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Literatur
Individualistische Wirtschaftsethik (IWE)
Von Wolfgang Deppert ist im Verlag Springer-Gabler das Lehrbuch „Individualistische Wirtschaft­sethik“ erschienen. Es ist durchaus ungewöhnlich für einen Philosophen, sich mit aktuellen Themen zu befassen. Es ist aber dringend notwendig.
Der Bogen ist weit gespannt und reicht von der Kritik an den Grundlagen der Wirtschaftswissen­schaften bis hin zur Kritik an der Verschulung der Universitäten (Bologna Prozess) aber auch bis zum Artikel 146 GG, der 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht erfüllt ist. Er lautet: „Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die vom deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“

Kernpunkt der IEW ist die Anwendung der individualistischen Ethik auf das Gebiet der Wirtschaft. Einer seiner Kernsätze neben den zahlreichen Definitionen ist: „Die Freiheit zur Ausbildung einer eigenen religiösen Sinnstiftung wird schon durch den Religions­unterricht in der Schule systematisch unterdrückt. Die damit verbundene Sinnleere gerade bei jun­gen Menschen, die aufgrund der Sinnlosigkeit freiwillig in den Tod gehen oder noch eine Spur des Grauens durch einen Amoklauf hinter sich herziehen oder andere terroristische Aktionen betreiben, geht auf das Konto verheerender kirchlich gelenkter Bildungspolitik.“
Die sechs Hauptüberschriften sind: Von Anfang an – Die ethischen Probleme unter den Menschen – Ableitung einer individualistischen Ethik – Wirtschaftsethik als Konsequenz individualistischer Ethik – Vergleichende Anwendung von bedeutungstheoretischer und individualistischer Ethik zum Erklärungsproblem des Prinzips der „unsichtbaren Hand“ – Vom Umgang der staatlichen Wirtschaftssubjekte mit sich und den nichtstaatlichen Wirt­schaftssubjekten. Natürlich kommen Depperts Definitionen der äußeren und inneren Existenz des Menschen vor. Hauptkritik ist, dass die innere Existenz des Menschen in unserem Casino-Kapitalismus nach wie vor ein Fremdwort ist. Damit wird der Motivationskern des Menschen auf den monetären Bereich reduziert. Zur Überlebenssicherung des kulturellen Lebewesens „Menschheit“ müssen aber alle Überlebensfunktionen angesprochen werden, die Deppert wie folgt gliedert: 1. Wahrnehmungsfunktion, 2. Erkenntnisfunktion, 3. Maßnahmenbereitstellungsfunktion, 4. Maßnahmendurchführungsfunktion, 5. Energiebereitstellungsfunktion.
In einer Zeit, in der Deutschland in Wirtschaft und Politik Gefahr läuft, zum Selbstbedienungsladen zu werden, erscheint mir der Ansatz der individualistischen Wirtschaftsethik (IWE) in höchstem Maße bedenkenswert, der auf die Forderungen an den Einzelnen zurückgeführt wird: Kümmere dich selbst aus Verantwortung vor dir und für dich selbst um Interessen anderer und gehe auf diese Interessen ein. Unternimm aus Selbstverantwortung etwas, durch das du deine Leistung anbietest, die die­sen Interessen anderer entgegenkommt.
Ein lesenswertes und bedenkenswertes Buch.
Horst Prem
Rezension: Atheismus oder Kulturchristentum?
Anton Grabner-Haider / Franz M. Wuketits: Atheismus oder Kulturchristentum? Zwischen Dialog und Kooperation -  259 S., 19,90 €, ISBN 978-3-943624-05-2
(hpd) Ein hochinteressantes Projekt: Ein Biologe und Wissenschaftstheoretiker sowie ein Religions- und Kulturwissenschaftler, beide als Universitätslehrer und Buchautoren sehr renommiert, beschreiben atheistisches und kulturchristliches Denken. Die sich daraus ergebenden Grundfragen bilden - neben umfassender Wissensvermittlung - die zentralen Bestandteile des Buches.
Atheisten/Agnostiker/Skeptiker besitzen ein naturalistisches, säkulares, humanistisches Weltbild, theologische (und teleologische) Welterklärungen sind für sie obsolet, alle Vorgänge im Universum, das Leben selbst in seiner Fülle, gehorcht Naturgesetzen.
Kulturchristen anerkennen die Bedeutung und Ergebnisse natur- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse; sie vertreten ebenfalls ein humanistisches Weltbild, glauben aber darüber hinaus in der Mehrzahl auch an göttliche Kräfte im und außerhalb des Kosmos und meist auch an eine personale Gottheit, auf die sie ihr Leben beziehen. Aus christlichen Traditionen wählen sie aus, was ihnen plausibel und moralisch vertretbar erscheint.
Teil I: Was glauben Atheisten? - Leben, Moral und Sinn in einer gottlosen Welt:
Ausgehend von 3 Grundfragen (wie lebt es sich in einer Welt, in der Religion als evolutionäre Nutzenfunktion entlarvt wurde, wie steht es um Moral und Ethik ohne Rekurs auf absolute, von Gott gegebene Werte und Normen, wie ist sinnvolles Leben in einer an sich “sinnlosen” Welt möglich?) erläutert Franz M. Wuketits knapp und klar die Inhalte atheistischen Denkens auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse als Gegenentwurf zu einem auf “Göttlichkeit” und “höheren Sinn” ausgerichteten Leben.
Mit den Fragen “Wie deuten Atheisten das Leben, sind Atheisten unmoralisch, welchen Sinn geben Atheisten dem Leben, wie begegnen Atheisten dem Tod?” vermittelt der Autor tiefgründiges Wissen um den Menschen in seinem evolutionären Gewordensein, in seinen positiven und problematischen Eigenschaften, in seinen Überlebensinteressen, in seiner Suche nach Erkenntnis und Sinn und - nicht zuletzt – in der Bewältigung der Bewusstheit seiner Sterblichkeit.
Atheismus bedeutet nicht Antitheismus im Sinne eines Kampfes gegen gläubige Menschen, er vermittelt mit seinem auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden, humanistischen Weltbild intellektuell befriedigende Orientierung; die atheistische Interpretation aller Phänomene der Welt ermöglicht ein weniger problembehaftetes, widerspruchsfreieres, auch besseres Leben. Ein Atheist bedarf keiner “geistlich-geistigen” Führung; er lässt sich nicht mit Versprechungen einer besseren Welt im Jenseits über die Übel und Ungerechtigkeiten des Diesseits hinwegtäuschen, er ist bemüht, im Hier- und Dasein sein Glück zu finden und dabei in Achtsamkeit auch seinen Beitrag für eine bessere, gerechtere Welt zu leisten; autoritäre Herrschaftssysteme, die auf innerweltliche und außerweltlich begründete Ängste und Hoffnungen der Menschen aufbauen und diese missbrauchen, lehnt er ab.
Teil II: Was glauben Kulturchristen?
Kulturchristen können - im Gegensatz zu “Kirchenchristen” - viele Lehren und Normen der Theologie und Kirchenleitung nicht mehr nachvollziehen; sie erkennen, dass heutiges Wissen nicht mehr alten Glaubenslehren entspricht. Kulturchristen stehen zu den organisierten Kirchen weitgehend in Distanz; sie streben nach einer vernünftigen und der menschlichen Natur gemäßen Form der Religion, bzw. Spiritualität, wobei ihnen Grundwerte christlicher Kultur, sofern diese aus der stoischen/kynischen Tradition stammen, wichtig sind. Die meisten von ihnen sind überzeugt, dass einige Elemente christlichen Glaubens auch in heutiger Zeit noch sinnvoll gelebt werden können.
Anton Grabner-Haider beschreibt sehr prägnant die Anfänge der Religion und des Christentums, die Lernprozesse der Aufklärung, den Glauben der Kulturchristen, die Dynamik der Religion und religiöses Ethos und religiöse Lebensformen sowie ein mögliches “Leben im Dialog”. Als Grundaussage kann festgehalten werden, dass Kulturchristentum durch die religiöse Grundüberzeugung “Leben ist ein göttliches Geschenk” bestimmt wird und dass dadurch auch konkrete Lebensstile geformt werden. Zitat: “Wenn Nichtreligiöse ihr Leben als Zufall ansehen, dem sie einen persönlichen Sinn geben wollen, dann sehen religiöse Menschen das Leben als Ganzheit und als göttlichen Plan, von dem sie einen umfassenden Sinn ableiten”. Dabei stehen Kulturchristen (im Gegensatz zu den meisten Kirchenchristen) voll im naturwissenschaftlichen Weltbild ihrer Zeit, sie folgen keinen magischen Vorstellungen (wie sie auch bei Esoterikern zu finden sind), sie glauben nicht an magische Wirkungen von Riten, Gebeten und Meditationen. Monopolansprüche auf Wahrheit und Überlegenheit haben Kulturchristen aufgegeben, im Gegensatz zur repressiven Sexuallehre von Klerikern und Theologen gehört für sie auch das natürliche Streben nach sinnlicher Lust zu einem guten und glücklichen Leben. In der Hinwendung von einem kultischen (politischen) zu einem philosophischen Monotheismus (eine unter verschiedenen anthropomorphen Bildern verehrte Gottheit für alle Menschen) sehen sie einen wichtigen Ansatzpunkt für den globalen Dialog der Religionen.
Kulturchristen sind um diesen Dialog und um Austausch mit anderen Überzeugungen und Wertsystemen bemüht, ihr Weltbild steht auf dem Boden naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sowie kritischer Philosophie und einer humanistisch orientierten Werteordnung. Sie grenzen sich von religiösen und politischen Fundamentalisten, politischen Demagogen und Verbreitern neuer Ideologien entschieden ab, mehrheitlich sind sie liberalem und kritischem Denken verpflichtet.
Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch! Es bietet sehr viel Wissen (euphemisch: “einen Schatz” an Wissen): Beide Autoren vermitteln – intellektuell anspruchsvoll, dabei aber gut lesbar, sehr verständlich und über weite Strecken spannend – eine Fülle von natur- und geisteswissenschaftlichem, historischem und kulturhistorischem Wissen, ergänzt durch grundlegende philosophische Betrachtungen. Es verdeutlicht Unterschiede, baut aber auch Brücken: Neben der Darstellung unterschiedlicher Denkweisen nimmt auch das Gemeinsame, das Verbindende, breiten Raum ein. Beide Positionen eint das Bemühen um eine humane Welt, um die Verminderung der zahlreichen Übel der Welt. Beide Autoren betonen die Bedeutung von rationalem, kritischem Denken, von Wissenschaft und Aufklärung, beide Autoren verurteilen Fundamentalismus jeglicher Art und werben für gegenseitiges Verstehen und Toleranz. Es bietet Anregungen zu Sinnfindung und Orientierung im Dasein:
Für beide Autoren ist das Leben sinnvoll; es besitzt – für Kulturchristen - religiös begründeten Sinn und lässt – für Atheisten – auch ohne höhere Sinnstiftung individuellen Sinn erkennen und erleben.
Es enthält ein Plädoyer für mögliche Kooperationen:
Kulturchristen wie auch Atheisten bilden keine einheitlichen Gruppen, sie leben mit verschiedenen Überzeugungen, politischen Präferenzen und Wertorientierungen. Um gesellschaftlich wirksam zu werden, sind beide Weltanschauungen auf Zusammenarbeit mit Andersdenkenden angewiesen. Atheisten und Kulturchristen sollten ihre Kräfte bündeln, um auf demokratischem Weg die großen globalen Probleme des Klimaschutzes, der sozialen Gerechtigkeit, der Friedenssicherung und der Generationengerechtigkeit mit der Kraft kritischer Vernunft zu lösen.
Atheismus oder Kulturchristentum? Das Wort “oder” und das Bild am Cover des Buches (Wegweiser in beide Richtungen) suggerieren die Notwendigkeit einer Entscheidung, aus der Sicht des Rezensenten ist eine solche Forderung obsolet. Einerseits, weil gläubige Menschen wenig Wahlfreiheit besitzen, religiöse Aussagen nicht zu glauben und Nichtgläubige solche Aussagen nicht glauben können, andererseits, weil dazu - im Sinne der Grundaussagen und Grundforderungen des Buches - auch keine Notwendigkeit besteht. Beide Positionen vereint das Bemühen um eine humane, tolerantere, gerechtere – kurz “bessere” – Welt; dass Kulturchristen dazu auch noch eine metaempirische Ebene als sinnvoll (bzw. als vorhanden) erachten, ist nach Ansicht des Rezensenten eine Marginalie (für sie aber wohl keineswegs).
                                                                         Gerfried Pongratz
Initialzündung zur Entstehung der freigeistigen Organisationen
Volker Mueller: Johannes Ronge und die freireligiöse Bewegung

Historische Reihe des Angelika-Lenz-Verlages. Band 5. Neu-Isenburg 2013. 87 Seiten. 7,90 €. ISBN: 978-3-943624-12-0.
Johannes Ronge gilt zweifellos als ein bedeutender Denker des 19. Jahrhunderts und als einer der Begründer der freigeistig-humanistischen Bewegung und freireligiösen Gemeinden in Deutschland. Mit seinem „Offenen Sendschreiben an den Bischof von Trier" vom 1. Oktober 1844, Laurahütte,  mit  dem er die Ausstellung des Heiligen Rocks in Trier heftig kritisiert, fordert er eine neue Religiosität, die frei von kirchlicher Bevormundung und Dogmatik sein solle. Im Vormärz, der revolutionären Zeit der 40er Jahre in den deutschen Ländern, setzt sich Ronge für ein Land in Freiheit und Liebe ein, in dem die Menschenwürde gewahrt und der Glaube frei und ohne Zwang sei.
In dem vorgelegten Band 5 der Historischen Reihe des A. Lenz-Verlages werden das „Offene Sendschreiben an den Bischof von Trier" von Johannes Ronge und seine 1847 in Hamburg erschienene Schrift „Das Wesen der freien christlichen Kirche" wiedergegeben. Sie markieren Meilensteine in der Entwicklung der frühen freireligiösen Bewegung. Dieses Buch wurde anlässlich des 200. Geburtstages von Johannes Ronge (16. Oktober 1813 - 25. Oktober 1887) von Volker Mueller herausgegeben und mit seinem Beitrag „Ronge und der Beginn der freireligiösen Bewegung in Deutschland" eingeleitet. Anliegen der Herausgabe dieses Buches ist die Wiedervorlage der zwei bedeutenden Texte von Johannes Ronge, der im vorrevolutionären Deutschland Wesentliches zur demokratischen Entwicklung und zur Entstehung der freireligiösen Gemeinden beiträgt und damit die Verbreitung und Vertiefung des freireligiösen humanistischen Gedankengutes fördert.
Volker Mueller:
Denis Diderots Idee vom Ganzen und die „Encyclopédie“
Philosophische Voraussetzungen und Wirkungen

199 Seiten, kart., € 16,90, ISBN 978-3-943624-03-8
Erhältlich im Buchhandel oder direkt bei www.lenz-verlag.de
Das vorliegende Buch würdigt den führenden französischen Aufklärer Denis Diderot (1713 – 1784) und das große Werk der Europäischen Aufklärung, die „Encyclopédie" (1751 – 1772). Zugleich ist es keine rein theoretische Abhandlung über die Aufklärung, sondern skizziert geschichtliche Abläufe und philosophische und literarische Reflexionen.
Die Frage nach progressiven Traditionen der bürgerlichen Gesellschaft erhält in dieser Hinsicht eine spezifische Dimension, in der Denkfreiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit wesentlich sind. Damit soll auch ein Beitrag gegen das Vergessen des Erbes der Aufklärung, ihres neuen Denkens mittels Vernunft und Wissenschaften und ihrer Grenzen, ihrer Unabgeschlossenheit und ihrer kritischen Gegenwartsrelevanz im 21. Jahrhundert geleistet werden.
Die Europäische Aufklärung hat Konsequenzen für Philosophie und Weltanschauung. Sie führte zu einer naturalistischen Wende der Philosophie, zu einem Pantheismus, Deismus und atheistischen Materialismus, der die Welt aus sich selbst heraus und als naturgesetzlichen Prozess - ohne übernatürliche Kräfte – auffasst, erklärt und erkennt. Gerade Denis Diderot ist für unser modernes aufgeklärtes Weltbild von besonderer Tragweite. Er repräsentiert neben Voltaire, Rousseau, Holbach und anderen den umfassenden Begriff des philosophe im Frankreich des Ancién Regime und geht vorurteilsfrei, enzyklopädistisch und kritisch an die Entwicklungen in Wissenschaft, Literatur, Gesellschaft und Denken heran. Für die alleinige kirchliche Deutungshoheit über die Welt und die Wissenschaften, für einen jenseitigen Gott der Werkheiligkeit, für Dogmatik und für religiöse Vorstellungen von übernatürlichen oder irrationalen Mächten ist kein Platz im aufgeklärten Europa. Diderots Erklärungen des menschlichen Individuums und dessen naturgeschichtlicher Entwicklung führen zu einer humanistischen Ethik, die noch weiter ausgelotet werden muss.
Die Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert in Europa hat weitreichende Folgen, da sie gesellschaftliche Änderungen zur Überwindung knechtender und ungerechter sozialer und geistiger Verhältnisse vorbereitet. Sie entwickelt ein Programm zur Überwindung der Unmündigkeit des Menschen und zur Entwicklung der skeptischen und kritischen Vernunft für die Beurteilung der Wirklichkeit. Das „Licht der Aufklärung" befreit die Wissenschaften von Theologie und kirchlicher Bevormundung, beendet den Zwang des Glaubens und inspiriert den Kampf gegen die Allianz von Thron und Altar. Das freie kritische Denken und die skeptische Vernunft fördern das beginnende Entwicklungsdenken in Natur und Gesellschaft.
In dem Buch von Volker Mueller wird deutlich, dass Diderot mit seiner Philosophie und Wissenschaftsauffassung in der „Encyclopédie" ein humanistisches Menschenbild entstehen lässt, durch das ein freier, mündiger und kritischer Mensch skizziert und gefordert wird. Der Mensch der Moderne ist ein mit Sozialität begabtes Naturwesen. Seine Gesellschaftskritik verbindet sich mit einer grundlegenden Kritik an allem Alten und Dogmatischen. Ausgangs- und Endpunkt seines Wirkens ist sein Anliegen, dem Menschen die Freiheit des Denkens und eigenes Glück zu gewähren und zu entwickeln.
Hubertus Mynarek  
Das Leben als Kunstwerk ist nicht nur höchstes Ziel, sondern auch eine ethische Forderung

Wertrangordnung und Humanität
Zur Humanismus-Debatte zwischen Atheisten, Pantheisten, Monotheisten und Agnostiker Verlag DIE BLAUE EULE, Essen 2014, ISBN 978-3-89924-376-5, 167 S., 28,- €.
Die Quintessenz dieses leicht und flüssig lesbaren sowie übersichtlich gegliederten Werkes, bringt der Autor selbst auf den Punkt: "Im Zurückdrängen oder Abwürgen der gefühlsmäßigen, sozialen und ethischen Bestandteile seines Wesens liegt die Gefahr des Vollblut-Naturwissenschaftlers". Ohne Überbewertung des Emotionalen, befasst sich  Mynarek  in klaren und verständlichen Worten mit der Reflexion von Geist und Gefühl. Dabei kommt es zunächst zu einer Rangordnung der Werte sowie einer Thematisierung der Synästhesie von Ästhetik und Ethik.
Zunächst wird in sechs Wertklassen unterschieden, die gegliedert sind in die niederen sinnlichen und die höheren geistigen Werte. Die niederen Werte werden unterteilt in utilitaristische, hedonistische, lustvolle und die höheren Werte in ethische, ästhetische, religiöse. Der Einfluss der sinnlichen Wahrnehmung auf die Wissenschaft der Moral wird erkannt, aber gleichzeitig vor einem Ästhetizismus gewarnt. Die Ethik soll das Gesamtgefüge der Werte überwachen. Dazu wörtlich: "Ethisch gut ist also ein solches Verhalten, das in einer gegebenen Situation und unter Berücksichtigung aller an ihr Beteiligten Umstände gemäß der Rangordnung der Werte handelt und keine einzelne Wertklasse zur alleinherrschenden macht". Gleichzeitig sieht der Autor in der Selbstüberschreitungstendenz der ästhetischen Werte eine Verschmelzung mit religiös-spirituellen Werte, womit man auch in der Kunst eine säkulare Religion erkennen könnte.
Die Frage nach der Möglichkeit eines Humanismus ohne Gott und Religion wird grundsätzlich mit ja beantwortet, bleibt aber bezüglich der Religion ambivalent, auch wenn diese nicht mit Konfession verwechselt und somit auf ihren genuinen Sinn verwiesen ist. Dazu erfährt Transzendenz eine psychologische Erklärung. Ob dabei etwas von dem Grund der Dinge berührt wird, kann jemand nur glauben, aber nicht wissen. Gleichwohl sieht der Autor keinen logischen Widerspruch darin, es für möglich zu halten, betont aber, dass metaphysische Urteile immer nur Hypothesen sein können. Der Agnostiker ist für ihn der intellektuell Redlichste und Verantwortlichste. Dazu noch der Wahrhaftigste, weil er erkennt, dass die sog. Wahrheit immer nur relativ sein kann und im Klartext: "Unser Gehirn könne [...] selbst einen mit einer göttlichen Offenbarung daherkommenden Geist nur als etwas Relatives wahrnehmen".
Mit seiner apodiktischen Verkündung "Religion vermag unzweideutig zu begründen, warum Moral, ethische Werte und Normen unbedingt und allgemein verpflichtend sein müssen", wird Hans Küng  als anti-empirischer und anti-historischer Dogmatiker betrachtet, der dem Monotheismus verhaftet bleibt und für den es ohne Gott keine Ethik gibt. Delikat dann der Hinweis, dass es Zeiten gab, da sogar ein  Joseph Ratzinger, " als er von dem hohen Amt noch nicht korrumpiert war", die Ambivalenz dieses Sachverhaltes klarer erkannte als sein katholischer Kollege  Küng . So bekannte sich der später als Pabst gescheiterte  Ratzinger  noch 1969  praktisch implizite zum Agnostizismus, wenn er, - wie auf Seite 68 nachzulesen, - verkündet: "Der Glaubende wie der Ungläubige haben, jeder auf seine Weise, am Zweifel und am Glauben Anteil [...] Keiner kann dem Zweifel ganz, keiner dem Glauben ganz entrinnen".
Schließlich gelingt es  Mynarek darzustellen, dass auch die sog. "Neuen Atheisten", von  Michael Schmidt-Salomon  über  Daniel Clement Dennett ,  Christopher Hitchsen, Sam Harris  bis  Richard Dawkins religiöse Atheisten sind und in dem von ihm entwickelten Sinne auch Transzendenz-Humanisten. Gleichwohl dürfte ihr Atheismus nur die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis sein. Der geniale Physiker  Albert Einstein  wird als Musterbeispiel eines religiösen Atheisten vorgestellt: "Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erleben des Mystischen. Aus ihm allein keimt wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist seelisch bereits tot".
Das Beispiel einer Verschmelzung ästhetischer Werte mit religiös-spirituell empfundenen, leitet auf das Verhältnis ethischer zu religiös-spirituellen Werten über. Das klingt für einen Freigeist zunächst befremdlich, allein der Autor vermag es nachvollziehbar zu erklären. Unter Religion ist eine freie zu verstehen, denn als dogmatische Konfession missverstanden, erhält der Sinn von Religion eine abwertende Bedeutung. Außerdem gibt es auch religiöse Werte ohne Gott. Gleichzeitig bleibt festzuhalten, dass der Begriff Transzendenz, der der religiösen und spirituellen Betrachtung zu Grunde liegt, philosophisch und nicht theologisch zu gebrauchen ist sowie in dynamisch und substantiell unterschieden wird.  Ludwig Feuerbach  vertrat eine dynamische Transzendenz des Bewusstsein, auf die sich der Autor bezieht wenn er schreibt: "In allen großen ethischen Werten, der Liebe, der Wahrhaftigkeit, der Güte, der Gerechtigkeit, des echten Mitgefühls [...] steckt ein Moment der Grenzüberschreitung".
Interpretiert man Transzendenz nicht theologisch, sondern philosophisch, muss sie nicht notwendig eine Überschreitung des Bewusstseins ins Übersinnliche oder Außerweltliche bedeuten, sondern kann auch eine qualitative Steigerung der emotionalen Erlebnisfähigkeit vielfältiger Art ausdrücken, wie Empfinden von Musik, Liebe, Freundschaft, den Genuss eines trockenen Rieslings, Kunst allgemein - bis zur der Fähigkeit wirklichen Mitleidens. Diese tuistische Überschreitung versucht  Mynarek  an einem Stufenchema der Liebe nachzuweisen. Mit der Feststellung, "Es gibt einen käuflichen Genuss, aber keine käufliche Liebe", wird auf den Weg einer dynamischen Transzendenz über Sex und Erotik zur wahren Liebe hingewiesen: "Die Physik der sexuell-erotischen Anziehung kann in die Meta-Physik der Liebe übergehen" so der Autor.  Richard Wagner,  der als Komponist nicht allein auf die spärlichen Begriffe unserer Sprache beschränkt ist ( Leo Tolstoj ), gelingt dies musikalisch besser in seiner Oper "Tristan und Isolde": "Sink hernieder Nacht der Liebe, gib vergessen, dass ich lebe. Nimm mich auf in deinen Schoß, löse von der Welt mich los".
Die Ausführungen schließen mit einem Hinweis auf die Ohnmacht des Ethischen. Um dieser Ohnmacht zu entkommen bedarf es eines Durchbruchs-Erlebnisses durch die (psychische) "Fassade" zum Geist hin. Gemeint ist damit von der Psychogenese zur Noogenese, also über das Psychische zum Geistigen. Dazu der Autor: "Wir haben einige Zeugen aus der Geschichte des menschlichen Geistesleben angeführt, die aber in ihrer Anschaulichkeit nur die Grundkenntnisse in unserem eigensten Inneren wecken sollten, dass die Natur in ihrer stammesgeschichtlichen Evolution und unser eigenes Individualleben dem Wert-Gesetz der Schwerpunktverlagerung vom Biologischen zum Psychischen und dem Psychischen zum Geistigen folgen, wobei aber dieses Geistige das Bio-Psychische nicht abstößt, sondern als steuernde, lebensgemäße Kraft integriert und harmonisiert".
Solche Ausführungen erscheinen geeignet die existenzgefährdenden Missverständnisse zwischen sog. Humanisten, Freireligiösen und Freidenker zu harmonisieren oder gar zu beseitigen. Darüber hinaus könnten sie, - zumindest in ethischer Hinsicht, - eine Brücke zu liberalen "Kinder Abrahams" schlagen, insoweit diese in der Lage wären, die Mythen ihrer Konfession dem Sinne nach zu deuten und nicht wörtlich zu nehmen.
Erich Satter
Globales Lernen und lokales Handeln - Klingberger Reihe Nr. 7
Was läuft schief mit der Integration fremder Kulturen in Deutschland und in Europa? „Der Umgang mit moralischer und religiöser Vielfalt ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften gegenwärtig konfrontiert sind.“ Dies steht auf dem Klappentext des Büchleins von Jocelyn Maclure und Charles Taylor des im Suhrkamp Verlag erschienenen Büchleins „Laizität und Gewissensfreiheit“. Auch das Land Quebec hat mit diesen Problemen zu kämpfen und kam nach eingehender Analyse zum Ergebnis, 2008 den Konfessionsunterricht an den Schulen durch einen staatlichen Unterricht verbindlich für alle „Ethik und religiöse Kultur“ zu ersetzen. Im Land Berlin wurde nach fünf Frauenehrenmorden endlich ein für alle Konfessionen verbindlicher Ethikunterricht eingerichtet. Der Konfessionsunterricht bleibt davon unberührt.
2011 sagte sich in Norwegen ein Einzelner auf brutalste Weise vom Zusammenleben mit Unterschieden zwischen Menschen und Kulturen los.
2012 tötete in Toulouse ein junger Franzose sieben Menschen und in Deutschland mordete eine Bande, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannte, über zehn Jahre unentdeckt zehn ausländische Unternehmer.
Wie gelingt die Integration unterschiedlicher Kulturen im globalen Dorf in Achtung vor den Unterschieden und im Wissen, eine gemeinsame Welt dabei zu teilen? Ist es nicht vor allem wichtig, zu einem Gespräch zu kommen, in dem wir nicht von Absolutismen ausgehen, von unbedingt gültigen Werten, sondern von dem, was dem vorausgeht, dem Wissen darum, wie wir uns gegenseitig verstehen und verständigen? Seit 1789 die französische Nationalversammlung die Menschenrechte und die Gleichberechtung aller verkündete, sind sie zum Ansporn für viele geworden, nach Freiheit und Demokratie zu streben.
Unsere These ist: Mit Laizität in der Politik, wenn der Staat neutral gegenüber Religionen und Weltanschauungen eingestellt ist und handelt, ist die Voraussetzung für die Menschenrechte am besten zu verwirklichen. Fahndungslisten reichen dafür nicht aus.
Ein Projekt „Weltbürgerlichkeit“ als Unterrichtsprojekt spricht diese Voraussetzungen an und will sie umsetzen in Praxis.
Wir laden Sie herzlich ein, die Seminarergebnisse in Ruhe zu studieren.
93 S., kart., ISBN: 978-3-943624-11-3, Angelika Lenz Verlag, 9,80 €
Rezension:
„Wertebildung in Jugendarbeit, Schule und Kommune“. Bilanz und Perspektiven.
Herausgegeben von Wilfried Schubarth, Karsten Speck und Heinz Lynen von Berg.
VS Verlag. Wiesbaden 2010. ISBN 978-3-531-17044-2. 356 Seiten. 29,95 €
Die Fragen der Werteentwicklung und Werteerziehung sind seit einiger Zeit besonders im Vordergrund öffentlicher Debatten. Dabei wird mit Recht gefragt, was Schule und Jugendhilfe dafür leisten kann bzw. muss und wie der Staat sich einbringt. Der Ruf nach mehr Werten in der Erziehung wird besonders dann laut, wenn Kindesverwahrlosung, Jugendkriminalität und Fehlverhalten Minderjähriger festgestellt werden.
Auch wird von der älteren Generation gelegentlich und meist zu Unrecht fehlende Disziplin, geringer Respekt und wertfreies Verhalten der Jugend festgestellt. Ausgehend von Forschungen und praktischen Erfahrungen zur Wertebildung im Land Brandenburg wird im vorgelegten Buch gefragt, wie Werteaneignung und Wertebildung gelingen kann. Dabei geht es weit über die Bildungssituation nur eines Bundeslandes hinaus und hat Bedeutung für alle bundesdeutschen Länder. In den verschiedenen Beiträgen des Sammelbandes wird die Spannbreite der Debatten um Werte in Schule, Jugendarbeit und Kommune verdeutlicht.
Den aktuellen Forschungsstand zur Wertebildung und Wertesozialisation reflektierend, wird sich in dem Buch von Schubarth, Speck und Lynen von Berg mit den Wertorientierungen Jugendlicher seit der Wende, mit Partizipation und dem Menschenrechte- und Demokratie-Lernen auseinandergesetzt. Wertebildung wird dabei vor allem in Schule, in der Jugend- und Jugendsozialarbeit und in der Gemeinwesenarbeit thematisiert. „Unter ‚Wertebildung‘ verstehen wir die pädagogisch initiierte Auseinandersetzung mit und Reflexion von Werten sowie das subjektive Erleben und Aneignen von Werten.“ (S. 10) Besonders hilfreich sind die Empfehlungen für die Praxis und die Handlungsorientierungen.
Für unsere weiteren freigeistigen Überlegungen über integrative Möglichkeiten von Werteorientierung und Wertebildung in Schule, in der Jugendarbeit und in staatlicher Aktivität ist dieses Buch eine ausgezeichnete Grundlage. Hier erhältlich: www.amazon.de
Dr. Volker Mueller, Falkensee
„Alle Jahre wieder ...“ ALV-Band 18
Christliches, Vorchristliches und Nachchristliches zu einer eingebürgerten Festzeit

Mit einem Anhang: Der Nazarener – zentral für Glauben, Wirken und Feiern?

57 S., geh., ISBN 978-3-933037-85-5, € 5,70
www.lenz-verlag.de

Die Art und Weise, wie wir als Freigeister, als Freireligiöse, Unitarier, Humanisten und Freidenker Weihnachten feiern, hat etwas von einem Wiederholungsvorgang an sich. Es ist tief verwurzelt in uns, in unseren Familien. Weihnachten ist ein großes menschliches Ritual, das es aus christlicher Vereinnahmung zu befreien gilt. Weihnachten ist manchmal wie ein Brennglas, durch das verstärkt die Sehnsucht nach Aussöhnung der Gegensätze und nach Selbstbestimmung erscheint - also nach Frieden und Freiheit.
Hans-Dietrich Kahls Büchlein setzt hierzu erfreuliche Impulse, frei und undogmatisch über uns und unsere Feierkultur nachzudenken. Dabei sind seine weltanschaulichen, ethischen und religionskritischen Überlegungen - auch der interessante Anhang - ein bemerkenswertes Angebot zum Weiterdenken.
Wilhelm Ostwalds Erbe
Arnher E. Lenz / Volker Mueller (Hg.)
Wilhelm Ostwald: Monismus und Energie
Angelika Lenz Verlag ISBN 978-3-933037-84-8
225 Seiten / 18,90 EURO
Am 11. September 1911 schloss Wilhelm Ostwald vor mehr als 3000 Zuhörern das erste länderübergreifende Monistentreffen mit den Worten:
„Hiermit schließe ich den ersten internationalen Monistenkongress und eröffne das monistische Jahrhundert!“
Drei Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus, der mit seinen Folgekonflikten das 20. Jahrhundert zum wohl blutigsten der Geschichte machte. War der Monismus damit widerlegt?
Er vertrat ja die These, dass die Welt von einem Prinzip beherrscht wird, dass z.B. Geistiges und Materielles keine Gegensätze sind, sondern unterschiedliche Erscheinungsformen des gleichen Urstoffes. Für den Chemiker Ostwald war das die Energie, während sein Bundesgenosse, der Zoologe Ernst Haeckel, die Welträtsel mit Hilfe von Darwins Evolutionstheorie zu lösen suchte. Diese Positionen schlossen sich nicht gegenseitig aus, sie setzten lediglich andere Schwerpunkte. In einem Punkte waren sich Ostwald und Haeckel jedenfalls einig: Beide glaubten, dass der wissenschaftliche, technische, zivilisatorische Fortschritt der Menschheit etwa so Unsinniges und Schädliches wie einen Krieg künftig ausschließen müsste.
Der Monismus fand vor dem Ersten Weltkrieg viele Anhänger unter Naturwissenschaftlern, Ärzten und Technikern, weniger unter Geisteswissenschaftlern wie z. B. Historikern, und nur ganz selten unter Philosophen. Die Lehrstühle an den Universitäten besetzten Hegelianer und bestenfalls Kantianer, die den „Materialismus“ verachteten; der mochte ja für Physik und Chemie und allenfalls noch für Botanik und Zoologie ganz brauchbar sein, hatte aber in der „geistigen“ Welt der Philosophen nichts zu suchen. Ostwalds Ruf als Chemiker schadete das nicht, er hatte ja immerhin 1909 den Nobelpreis für seine bahnbrechenden Forschungen auf dem Feld der Katalyse erhalten, aber wenn er sich in das philosophisch-weltanschauliche Revier wagte, wie in seinen „Monistischen Sonntagspredigten“, dann wurde das als Steckenpferd eines ansonsten ganz tüchtigen Mannes milde belächelt.
In dem vorliegenden Sammelband haben die Herausgeber Volker Mueller und Arnher E. Lenz Fachleute für Umweltschutz, Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie, Weltwirtschaft, Biologie, Farblehre und Bildkunst sowie Geschichte des Monistenbundes dafür gewonnen, die Bedeutung von Ostwalds Prinzip der Energie als Grundkraft alles Seienden für das jeweilige Sachgebiet herauszustellen. Das ist in allen Fällen sehr beachtlich und hilft, sonst schwerverständliche Vorgänge zu begreifen. Vermutlich sind die neuesten Resultate der Kernphysik, die in riesigen Elektronenschleudern winzige immaterielle Energiebröckchen produzieren, eine Bestätigung von Ostwalds genialer Hypothese, dass nicht Materie die Grundsubstanz unserer Welt ist, sondern Energie. Monisten sind also keine Materialisten!
Die in dem Buch gesammelten Artikel sind durchweg allgemeinverständlich geschrieben und verzichten auf den für Laien abschreckenden Fachjargon. Was Ostwalds Energiemonismus für unser Selbstverständnis als denkende und fühlende Lebewesen bedeutet, verraten die Autoren nicht, das muss der Leser selbst herausfinden. Wenn er zu dem Ergebnis kommt, er sei ein Energiebündel mit guten und weniger guten Eigenschaften, wobei die Evolution aber dafür gesorgt hat, dass in seinem Falle die guten überwiegen, dann hat sich die Lektüre für ihn gelohnt! Erhältlich bei www.lenz.verlag.de
Hartmut Heyder (Freie Humanisten Neustadt/Rbge.)
Freigeistige Impulse zum Nachdenken
Rezension zum Buch
„Über Tod & Teufel und Gott & die Welt“.  
Die besten Beiträge aus der Sendereihe „Freiheit und Verantwortung“, NDR Info. Von Ernst Mohnike.
ISBN 978-3-925800-12-2. Wolfgang E. Buss Verlag Hamburg, 2010. 148 Seiten. Erhältlich im Buchhandel oder im ALV-Internetshop.

Freie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften haben seit vielen Jahren die Möglichkeit, in gewissen Abständen im Norddeutschen Rundfunkt NDR ihre Positionen in der Sendereihe „Freiheit und Verantwortung“ verbreiten. Der Deutsche Volksbund für Geistesfreiheit, der seit 1991 der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) ist, sowie der Verband Freier Weltanschauungsgemeinschaften Hamburg, die Freien Humanisten Niedersachsen und die Deutschen Unitarier haben diese Sendereihe unterstützt und wesentlich mit getragen.
Im Vordergrund der Beteiligung an dieser Sendereihe stand stets die Verbreitung freigeistigen Gedankenguts und freireligiöser, unitarischer und humanistischer Weltanschauungen in guter liberaler und toleranter Tradition.
Entscheidend waren auch die Persönlichkeiten, die Beiträge in dieser Sendereihe beim NDR-INFO (vorher NDR 4) getragen haben und sie präsentierten. Dazu gehört vor allem Ernst  Mohnike. Seit den 70er Jahren wurden diese freigeistigen Sendebeiträge möglich, durch Fritz Hermann (1907 – 1987), Fritz Bode (1931 – 2008), Jürgen Gerdes und andere gefördert und begleitet. Mehrere Texte und Reden als Einzeldrucke von verschiedenen Autoren und Sprechern wurden bis in die 90er Jahre auch in „Homo Humanus“ bei der damaligen Eekboom-Gesellschaft für freigeistige Kultur veröffentlicht. Das nun von Mohnike vorgelegte Buch belegt eine wichtige Seite öffentlicher freigeistiger Tätigkeit: die wirkungsvolle kontinuierliche Rundfunkarbeit freigeistiger Verbände, die in vielen anderen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland nicht möglich war und ist.
Die ausgewählten Rundfunkbeiträge und Redemanuskripte von Ernst Mohnike werden meist erstmals in dem vorgelegten Buch publiziert. Natürlich wurden die Radiobeiträge mit Musik,  wechselnden Sprechern und einer genauen zeitlichen Länge (entsprechend der Sendezeit) versehen, was in dem Buch nicht wiedergegeben wird bzw. werden konnte.
Im Vorwort stellt Ernst Mohnike seine Anliegen und freigeistigen Ansprüche dar. Seine „Leitgedanken“ (S. 8) durchziehen seine Buchbeiträge, diese sind:
„ - die ‚Wahrheiten‘ der Religionen und ihre gemeinsame Verantwortung,
- das Zusammenwirken, ja auch die Abhängigkeit von Politik und Religion, z.B. auch zwecks Absicherung und Begründung von Machtansprüchen,
- die Freiheit des Glaubens und das Bemühen um politisch/ staatlich legitimierte Indoktrination in Deutschland und
- das Problem der Beständigkeit, auch der Fragwürdigkeit von Werten und Normen, im Rahmen von Religion und Weltanschauung.“
Das Buch ist in drei inhaltliche Teile gegliedert:
In dem 1. Teil „Religion und Politik“ (ab S.11) befasst sich Mohnike mit dem wichtigen Thema des Verhältnisses von Staat und Kirchen, von Politik und Religion und betont sowohl die wichtige Religions- und Weltanschauungsfreiheit als auch die Trennung von Staat und Kirche. Die rechtsstaatlichen und religionsphilosophischen Entwicklungen von Toleranz und Intoleranz sind für ihn dabei ebenso wichtig wie die internationale Dimension der weltanschaulich neutralen Staatlichkeit - etwa in der Europäischen Union und deren Grundrechte-Charta. Beim berechtigten kritischen Bewerten der kirchlichen Sektenbeauftragten hat m.E. Mohnike die Gefahrenpotenziale etwa von Scientology Church nicht beachtet bzw. sich mit den von ihr ausgehenden wirklichen Gefährdungen nicht ausreichend auseinandergesetzt.  
Der 2. Teil „Eine Religion für eine Welt“ (S. 73) stellt die Internationalität der religiösen Toleranz und der sich daraus ergebenden Verantwortung heraus. Eingegangen wird auf Küngs Weltethos und dem Engagement für den Weltfrieden sowie die auf die Anstrengungen der IARF für religiöse Freiheit auf der Welt. Der ganzheitliche unitarische Blick von Mohnike auf das menschlich Wesentliche und auf die Notwendigkeiten, ein Neues Denken in Freiheit zu entwickeln, ist stets spürbar und bringt seine individuellen Eigenheiten zum Ausdruck.
Mit „Werte und Normen – nichts bleibt wie es ist“ (S. 103) ist der 3. Teil überschrieben. Mohnike diskutiert den Wertewandel, den heute viele als Werteverfall empfinden. Gerade die wirtschaftlichen Krisenentwicklungen führen ihn zu kritischen Sichten auf unsere Gesellschaftsentwicklung und auf die Ethik. Unzulänglichkeiten und Widersprüche unserer Gegenwart verbinden sich jedoch mit Ansätzen für Lösungen, die im persönlichen und gemeinschaftlichen Handeln liegen können. Kritik führt zu Zukunftsgewissheit. Dabei ist der beständige Wertewandel ein steter Wegweiser für Mohnike.
Mohnikes Überlegungen zum Religions- und Ethikunterricht  (schon S. 67 ff.) haben ihre zeitliche Berechtigung. Allerdings ist das Abmelden vom konfessionellen Religionsunterricht und das Besuchen eines Ethikunterrichts keine Drückebergerei, sondern ein Grundrecht. Dabei sehen wir heute viel mehr die Notwendigkeit, einen integrativen Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren konfessionellen Bindungen einzuführen und durchzusetzen.
Seine Darlegungen zu satanistischen Inhalten könnte man sich etwas differenzierter wünschen: Es liegen Welten zwischen den „Satanischen Versen“ und den gefährlichen Auffassungen Crowleys. Auch hier, wie schon bei der Sekten-Thematik, sollte man die Kritikwürdigkeit nicht gleich negieren, nur weil die kirchlichen Sektenbeauftragten aus ihrer Konkurrentensicht z.B. Scientology oder den Satanismus Crowleys verdammen. Gefahren für die Religionsfreiheit und für die Menschenwürde entstehen wohl von allen diesen Seiten, wenn auch auf unterschiedliche Weise.    
Es liegt uns insgesamt ein sehr lesenswertes Buch vor, das wichtige Impulse für kritisches freies Denken und eine freigeistige Lebensanschauung gibt. Das Buch schärft und verändert unsere Wahrnehmungen durch den Wechsel der Sichtweisen und Standorte. Ernst Mohnike regt an, sich auseinanderzusetzen und mit ihm zu diskutieren. Das will er. Erhältlich bei www.lenz-verlag.de
Dr. Volker Mueller, Falkensee
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