Berichte - DFW

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Berichte

Statements
Bericht Frauenseminar in Offenbach/Main
Vom 13.–15. April 2018 fand das Seminar der Frauen-AG im Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands in Offenbach/Main statt. Die Frei-religiöse Gemeinde stellte ihre Räumlichkeiten am Schillerplatz für die Frauen zur Verfügung.
In diesem Jahr gab es Vorträge, einen Besuch im Experiminta (Frankfurt), Diskussionen und Beiträge jedweder Art zum Thema „Frauen in technischen Berufen“. Frau Ina Manthey, Mitglied im Deutschen Ingenieurinnenbund, führte spannend in das Thema ein. Dabei wurde nicht nur festgestellt, dass in etlichen Bereichen der technischen Berufe Frauen immer noch unterrepräsentiert sind, sondern auch, dass die Schere der Gehälter immer noch weit auseinander geht. Beim Besuch der Experiminta konnten dann viele aufgebaute Versuche zur Optik, Akustik aber auch andere Experimente selbst ausprobiert werden.
Der traditionelle bunte Abend wurde dieses Jahr erstmals auch für Männer geöffnet. Einer der Höhepunkte des Abends war der Auftritt von Dolly Dornfelder aus der Travestie-Gruppe „Die Herren Damen lassen bitten!“, welche gekonnt auf dem Keyboard von Phillip von Villiez begleitet wurde. Hiermit setzten die Veranstalter*innen nicht nur ein Zeichen für die Gender-Vielfalt, sondern zeigten auch auf, dass neben dem geschützten Rahmen, welchen das Frauenseminar bietet, auch eine Beschäftigung mit dem Thema zusammen und im Austausch mit den anderen Geschlechtern wichtig ist. Der gelungene bunte Abend hat gezeigt, wie man verschiedenste Menschen an einem unterhaltsamen, kurzweiligen Abend auf die Wichtig- und Richtigkeit von Gleichberechtigung aufmerksam machen kann. Als dann am späten Abend noch am Flügel und Saxophon durch Pfarrer Pascal Schilling und Phillip von Villiez improvisiert wurde, kannte der Applaus keine Grenzen mehr. Dieser bunte Abend enthielt alle Farben des Regenbogens und wir bedanken uns bei allen Gästen und Organisatoren, die dazu beigetragen haben.

Folgende weitere Seminare sind in Planung:
28.–30. September 2018 in Fulda Thema: Körpersprache
05.–07. April 2019 in Osnabrück Thema: Sterben und Sterbebegleitung
27.–29. September 2019 in Rastatt Thema: Freiheit

Natascha und Christiane Friedrich

Mitgliederversammlung der Freien Akademie tagte
Die bisherigen und künftigen Aufgaben der konfessionell unabhängigen Bildungsinstitution Freien Akademie e.V. wurden auf der Mitgliederversammlung am 10. Mai 2018 beraten. Die wissenschaftlichen Tagungen, die Herausgabe der Schriftenreihe der Freien Akademie, eigene Arbeiten zur Vor- und Frühgeschichte der Freien Akademie, eine gute Öffentlichkeitsarbeit und eine zielführende Zusammenarbeit mit anderen Institutionen standen und stehen im Vordergrund. Die Freie Akademie wird ihre erfolgreiche wissenschaftliche und vor allem interdisziplinär angelegte Arbeit für alle Interessenten weiterführen. Gute und interessante Angebote werden weiterhin unterbreitet.
Die weitere Finanzierung der Arbeit der Freien Akademie wurde ebenfalls offen erörtert. Dabei wurden Weichen für einen nachhaltigen Einsatz unserer vorhandenen Ressourcen gestellt. Wichtig sind dabei auch, neue Mitglieder zu gewinnen und mit anderen Institutionen zu kooperieren.
Das Präsidium wurde planmäßig gewählt: Als Präsident der Freien Akademie wurde Dr. Volker Mueller (Falkensee) wiedergewählt. Weiterhin wurden gewählt: als Vizepräsidenten Dr. Dieter Fauth (Würzburg) und Christian Michelsen (Falkensee) und als weiteres Präsidiumsmitglied Winfried Zöllner (Berlin).
Mit großem Dank für ihr enormes Engagement für die Freie Akademie wurden Dr. Martin Scheele (Brieselang) und Tina Bär (Berlin) aus dem Präsidium verabschiedet. Sie kandidierten nicht wieder.
Dr. Volker Mueller

 
Wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie über Das menschliche Gehirn auf der Frankenakademie Schloss Schney in Lichtenfels vom 10.-13.05.2018
 
Dr. Volker Mueller und Tina Bär gestalteten gemeinsam die Einführung in die Tagung, indem sie interessante Themenaspekte zur Sprache brachten sowie die 30 Tagungsteilnehmer miteinander ins Gespräch brachten. Zunächst blickte Mueller kurz auf die Evolution des menschlichen Gehirns und berichtete, dass das Gehirn des Menschen in den letzten 1 Mio. Jahren relativ zum Körpergewicht mehr als bei jeder anderen Gattung gewachsen sei. Heute sei das Gehirn beim Menschen relativ zum Körpergewicht gesehen so schwer wie bei keinem anderen Lebewesen. Werkzeug- und Waffenherstellung seien für die Ausbildung der technischen Intelligenz wichtig gewesen. Aber die eigentliche Triebkraft für die Entwicklung des menschlichen Gehirns seien soziale Herausforderungen gewesen. Schimpansen z.B. können ca. 55 Mitglieder in Gruppen überblicken, der Mensch Gruppen von ca. 200 Mitgliedern. Das entspricht der Größe von frühgeschichtlichen Jagdgruppen. Komplexere Formen der Informationsverarbeitung werden von den jüngsten Regionen des menschlichen Gehirns bewältigt, der erweiterten Hirnrinde. In der Hirnforschung gibt es viele Fragen, die auch nach großen Anstrengungen der Fachwelt ohne gesicherte Antwort bleiben. Unter der Moderation von Tina Bär sprach anschließend jeder Teilnehmer kurz über eines seiner Interessen am Tagungsthema. Hier kam rein Neurologisches zur Sprache, die Wechselwirkung von Psychosozialem und Neurologischem; Religionen bzw. Philosophie und Ethik aus neurologischer Sicht, z.B. das Verhältnis von Materiellem zu Nichtmateriellem, also z.B. Biochemische zu geistigen Prozessen, aber auch die Frage nach dem freien Willen und der menschlichen Verantwortung. Interesse fand auch das Verhältnis von künstlicher zu menschlicher Intelligenz. Bei einem anschließenden Quiz gab es überraschende Einsichten: z.B. werden im Gehirn pro Sekunde 1 Mio. Verknüpfungen hergestellt. Weiterhin war interessant, dass die lebenserhaltenden Funktionen beim Menschen vom ältesten Teil des Gehirns, dem Hirnstamm gesteuert werden, der im Inneren des Gehirns sitzt. Diese existentiellen Funktionen sind Herzschlag, Atmung, Wärme-, Wasser- und Energieverbrauch des menschlichen Körpers. Die elektrischen Reize, die für den Austausch zwischen den Neuronen sorgen, haben die Geschwindigkeit eines Rennautos mit 360 km/h.
 
 
Dr. Katrin Preckel, Leipzig arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaftssprache im Bereich soziale Neurowissenschaft und sprach über das „soziale“ Gehirn. Ihre Erkenntnisse bezog sie aus dem Vergleich von Hirnbetrachtungen bei neurologisch unauffälligen und bei Menschen mit Autismus. Dieser Vergleich macht deutlich, dass soziale Kompetenzen im Gehirn neurologisch und anatomisch Ausdruck finden. Im Gehirn gibt es eine sozial-affektive Domäne, die z.B. für Empathie wichtig ist, sowie eine sozial-kognitive Domäne, bedeutsam z.B. für die Einnahme eines Perspektivenwechsels. Dies kann mithilfe von Experimenten belegt und beobachtet werden. So können einem Proband ein Foto von einem schmerzhaften und ein ähnliches Foto von einem nicht schmerzhaften Vorgang gezeigt und jeweils die Hirnströme gemessen werden. Damit wird der Sitz im Gehirn für die Fähigkeit zur Empathie sichtbar. Auch können die Hirnströme eines Probanden mit einer Aufgabe gemessen werden, die er nur lösen kann, wenn er sich in die Lage eines Anderen versetzt. Weiterhin gibt es neurologisch aufschlussreiche Experimente mit Aufgaben aus dem Bereich der sozialen Zusammenarbeit. So stellt eine Schauspielerin eine Person dar, die verzweifelt ist, weil ihre krebskranke Schwester weitere Medikamente ablehnt. Danach haben die Probanden mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, was die Schauspielerin über die Schwester wohl denkt. Solche Experimente mit zwei Probandengruppen im Vergleich zeigen nicht nur etwas über das soziale Gehirn, sondern auch über autistische Personen. Demnach ist Autismus ein neuronaler Defekt (mit genetischem Ursprung) mit Defiziten in der sozialen Kommunikation und Interaktion. Die Gabe des Hormons Oxytocin verbessert die neuronale Aktivität in den relevanten Hirndomänen. Die Wirkung der Medikamentengabe wird wiederum experimentell kontrolliert. Z.B. erhält der autistische Proband eine soziale oder eine monetäre Belohnung und es wird geschaut, ob nach Gabe des Hormons die Wertschätzung der sozialen Belohnung zunimmt. Da das Gehirn ein sehr plastisches Gebilde ist, d.h. sehr flexibel Defizite durch neue Verknüpfungen kompensieren kann, können auch anatomische Hirnabweichungen, wie sie bei Autisten beobachtet werden, „repariert“ werden. Außerdem kann während der Wirkung des genannten Hormons ein Sozialtraining durchgeführt werden, dessen Lerneffekt auch über die Hormonwirkung hinaus anhält.
 
 
Prof. Dr. Boris Kotchoubey von der Universität Tübingen befasste sich mit Bewusstseinsprozesse aus neurobiologischer Sicht. Sein Vortrag konzentrierte sich auf den Zusammenhang von Gehirn, Bewusstsein und Verhalten. Das Gehirn ist die steuernde, oberste Instanz. Gewiss haben Bewusstseinsprozesse immer neuronale Korrelate. Aber für das Bewusstsein ist das Gehirn nur notwendig und keinesfalls hinreichend. Im Gehirn befinden sich nur Mechanismen, aber keine Gedanken, Empfindungen und Gefühle als Phänomene des Bewusstseins. Auch arbeitet das Gehirn parallel in tausenden Vernetzungen, das Bewusstsein aber arbeitet seriell, das heißt, bearbeitet seine Prozesse nacheinander. Die Vorgänge des Bewusstseins gehen auch von einem Zentrum aus, von einer Ich-Perspektive, und grenzen von sich die Objekte draußen ab. Das Gehirn arbeitet aber ohne eine solche Zentrierung. Insofern steht das Bewusstsein dem Verhalten näher als dem Gehirn, denn auch das Verhalten geht von einer Ich-Zentrierung und von der Unterscheidung von Subjekt und Objekten aus. Freilich ist Bewusstsein auch nicht Verhalten, denn Bewusstsein ist immateriell und innerlich, Verhalten aber gegenständlich und äußerlich. Das Bewusstsein ist allenfalls ein spezielles Verhalten in einer virtuellen, modellhaften Welt. Zwischen Gehirn und Verhalten wiederum gibt es größere Nähen als zwischen Gehirn und Bewusstsein, denn das Gehirn steuert das Verhalten. – Wie aber entsteht aus Materie (Gehirn) Geistiges (Bewusstsein)? Hier kann der Vergleich mit dem Geld helfen: So wie das Geld völlig materiell ist, hat auch das Bewusstsein immer ein materielles Korrelat in bestimmten Hirnaktivitäten. Doch so wie das Geld erst durch den Umlauf als solches entsteht, so entsteht auch das Bewusstsein erst in der Auseinandersetzung und Interaktion mit der Umwelt.
 
 
Helmut Fink, Nürnberg, widmete sich dem Thema Willensfreiheit im Zeitalter der Neurowissenschaften. Ist der Mensch frei, eine Entscheidung bzw. einen Willen zu bilden oder ist er darin neurologisch festgelegt? Bei dieser Frage geht es um das Menschenbild bzw. Selbstbild sowie um die Deutungsmacht über das Menschenbild. Gebührt diese Macht den Naturwissenschaften oder den Geisteswissenschaften bzw. der Neurowissenschaft oder der Philosophie bzw. der Empirie oder der Spekulation? Ein bestimmtes Experiment der Neurowissenschaft hat die jahrhundertealte Debatte um die Willensfreiheit (Erasmus vs. Luther /[16. Jh.] / Descartes vs. Comenius [17. Jh.]) neu entfacht: ein Proband soll sich entscheiden, eine Taste zu drücken oder nicht zu drücken und den Zeitpunkt, wann seine Entscheidung gefallen ist, mittels einer Uhr festzuhalten. Die Entscheidung fiel 200 Millisec. vor der Tat, aber 500 Millisec. vor der Tat kam es zur einschlägigen neuronalen Aktivität. Also verursacht die neuronale Konstellation die Willensbildung und wir meinen lediglich, der Wille sei frei. Freilich gibt es Einwände gegen diesen Versuch und gegen diese Interpretation des Versuchs: Ungeklärt bleibt, wie es denn zu der jeweiligen neuronalen Konstellation kommt. Weiterhin könnte es ja sein, dass eine Entscheidung langsam heranreift, bevor sie bewusst wird. Und dieses Heranreifen hat ja bereits eine neuronale Basis. Trotz der Bedenken gibt es Neurowissenschaftler, die behaupten, Verschaltungen würden uns festlegen und wir sollten aufhören, vom freien Willen zu sprechen (Singer). Nun hat eine andere Versuchsanordnung diese Position relativiert: ein Proband soll gegen einen Computer ein Wettspiel machen. Wenn der Proband einen Knopf bei grün drückt, erhält er einen Punkt, drückt er bei rot, erhält der Computer einen Punkt. Gleichzeitig wird der Computer darauf programmiert, sofort auf rot zu schalten, wenn im Gehirn des Probanden sich die neuronale Konstellation zur Entscheidung einstellt, zu drücken. Tatsächlich kam es vor, dass es dem Probanden gelang, wegen eines Umschaltens auf rot den Knopf doch nicht zu drücken. Das heißt, es gibt doch einen Spielraum zu einer Willensentscheidung gegen eine andere neuronale Konstellation. Der Referent schlug als Lösung vor, sich nur vom Begriff der absoluten, unbedingten Willensfreiheit zu verabschieden; einer Vorstellung, die lebenspraktisch sowieso ohne Relevanz ist. Vielmehr gibt es einen Willensprozess des Abwägens. Willen bildet sich aufgrund von Gründen. Durch diesen Prozess des Durchdenkens habe ich die neuronale Konstellation individuell mir angeeignet (oder verworfen?).
 
 
Prof. Dr. Silvia Kober, Neuropsychologin an Institut für Psychologie der Univ. Graz, sprach über den Einsatz von Neurofeedback zum Training verschiedenster Hirnleistungen in unterschiedlichen Bereichen. Voraussetzung dafür ist es, dass die Probanden lernen, die eigene Hirntätigkeit zu kontrollieren. Dazu bekommt der Proband eine bestimmte Aufgabe, z.B.: entspannt und fokussiert zugleich zu sein. Der Neurologe weiß, wie für diesen Zustand die Hirntätigkeit aussieht, misst per EEG die Hirntätigkeit beim Proband und gibt dem Probanden per Bildschirmdarstellung ein Feedback, ob es ihm gelungen ist. Gelungen ist es z.B. dann, wenn auf dem Bildschirm ein mittlerer Balken hoch ist und zugleich zwei äußere Balken klein. Es handelt sich hier um eine Form von Bio-Feedback. Z.B. kann der Mensch ja Einfluss nehmen auf seine Atmung oder seinen Herzschlag. Aber Hirnströme kann der Mensch nicht spüren, so dass es dieser Visualisierung braucht, wenn der Proband auch hier Einfluss nehmen will. Wie ihm das erfolgreich gelingt, muss er durch Versuch und Irrtum selbst herausfinden. Zum Beispiel kann die Aktivierung des sensomotorischen Rhythmus (SMR) der Hirnströme Epilepsieanfälle verhindern bzw. verringern. Diese SMR-Frequenz wird aktiviert, wenn der Proband es schafft, völlig entspannt und zugleich maximal fokussiert zu sein (wie die Katze vor dem Mausloch). Tatsächlich kann man durch Neurofeedback lernen und dann trainieren, den SMR zu erhöhen. Weitere Anwendungen dieses Trainings sind in den Bereichen Angststörung, Depression, Schlafstörungen, Migräne, Tourette-Syndrom, etc. mehr oder weniger möglich. Auch bei ADHS kann ein solches Training helfen. Es gilt, die Delta-Wellen im EEG, die normalerweise kurz vor dem Einschlafen verstärkt auftreten, zu minimieren. Mit dem Aufputschmittel Ritalin kommen diese Patienten auf ein normales Aktivierungslevel; aber es geht auch mit Neurofeedback-Training. Der Einsatz dieses Trainings ist nicht nur im mentalen Bereich, sondern auch zur Förderung von kognitiven Funktionen möglich. Dies ist besonders bei Schlaganfallpatienten (Gedächtnis, Wortschatz, ...), evtl. auch bei Schädel-Hirn-Trauma oder Demenz möglich. Auch bei Multiple Sklerose (MS) ist dieses Training möglich. Bei MS greift das eigene Immunsystem Nerven im Gehirn an. Je nachdem wo, wird der muskuläre Apparat beeinträchtigt, oft aber auch kognitive Bereiche wie Gedächtnis oder Aufmerksamkeit. Auch motorische Funktionen können über Neurofeedback trainiert werden. Denn auch wenn ich mir eine Bewegung nur vorstelle, löst dies dieselbe Hirntätigkeit aus wie wenn ich die Bewegung ausführe. So kann durch Vorstellen der Bewegung die reale Bewegung angeregt werden. Unterstützt werden kann das Training, indem zur Vorstellung die assistierte Bewegung durch den Therapeuten oder einen Roboter kommt. Eine Anwendung in diesem Bereich sind z.B. Schluckstörungen. Die Trainierbarkeit gilt aber auch für Gesunde, z.B. im Sport hinsichtlich kognitive Fähigkeiten für Schach, Golf, Darts. Z.B. können die Hirnströme bei einem Golfer gemessen werden, wenn er erfolgreich einlocht und wenn nicht.
 
 
Renate Bauer, praktische Psychologin, referierte über ethische Fragen der Gehirnforschung. Hierbei sind drei Perspektiven bedeutsam. Was kann die Hirnforschung für die Ethik beitragen? Welche ethischen Maximen könnten die Hirnforscher bei ihrer Arbeit leiten? Und welche Ethik könnte uns Nutzer bei der Anwendung der Hirnforschung leiten? Wie die Vorträge von K. Preckel und S. Kober bereits zeigten, kann der Mensch auf neurologischem Weg Fähigkeiten erlernen oder stärken, die für die Ethik bedeutsam sind, z.B. die Balance von Kognitivem und Emotionalem, Empathie, den Perspektivenwechsel, etc. Eingriffe der Hirnforschung müssen allerdings im Rahmen der allgemein gültigen Würde, des Selbstbestimmungsrecht und der Unantastbarkeit der Authentizität des Menschen, der Chancengleichheit für alle, der Freiwilligkeit, etc. geschehen. Hier gibt es sowohl bei physischen Eingriffen ins Gehirn mit Mikrochips oder Elektroden für Strom zum Zweck der Hirnstimulation Gefahren als auch bei nicht invasiven Manipulationen des Gehirns durch Stoffe (Koffein, Nikotin, Alkohol, Stimuli wie Ritalin, ...). Zum Beispiel liegen Fragen nach der Gerechtigkeit bzw. Chancengleichheit beim Einsatz von Neuroprothesen (Prothesen, die über das Nervensystem mit dem Gehirn verbunden sind) nahe, da dies sehr teuer und damit nicht allgemein anwendbar ist. Psychische Auffälligkeiten, Verhaltensdispositionen könnten z.B. durch stimulierende Stoffe neurologisch vor allem deshalb manipuliert werden, weil sie gesellschaftlich unerwünscht erscheinen. Es sollte doch bei der Gabe von Stoffen stets das Recht des Menschen auf Authentizität beachtet bleiben und ein Stoff nur so dosiert verabreicht werden, dass für den Klienten die Chance bleibt, die mit dem Stoff verbundene Veränderung als selbst gewollte Veränderung anzueignen. Der Mensch könnte auf neurologischem Weg der stressigen Arbeitswelt angepasst werden, statt die Arbeitswelt den natürlichen Bedürfnissen des Menschen. Die Überwindung der biologischen Grenzen (Transhumanismus) mittels der Neurologie birgt ethische Problematiken. Weiterhin könnte seelischer Schmerz nur entsprechend der gesellschaftlich verbreiteten Haltung, Leiden zu meiden, neurologisch unterdrückt und damit die mit diesem Schmerz verbundenen notwendigen Aufarbeitungsprozesse, z.B. Trauerarbeit, verhindert werden. Da gedankliche Inhalte bestimmten Gehirnaktivitäten (bedingt) zugeordnet werden können, können Denken, Absichten, Emotionen (bedingt) identifiziert werden. Das mag erfolgreich bei der Kommunikation mit komplett Gelähmten angewendet werden, ist aber sonst ethisch problematisch. Nicht von ungefähr sind Lügendetektoren im Rechtssystem in Deutschland im Namen der kognitiven Freiheit und des Schutzes auf Privatheit sowie der Selbstbestimmung über persönliche Daten verboten. Bei all den angedeuteten, mit der Neurologie verbundenen ethischen Problemen ist auch zu bedenken, welches Handeln der Einzelne entscheiden darf und wann es einer allgemeinen Regelung bedarf.
 
 
Christian Michelsen, Studienrat für Philosophie, Latein und Griechisch, sprach über das Buch L’homme machine (1747) mit – so seine These – Gründungscharakter für die moderne Neurologie. Dieses Buch von Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) war für Aufklärer schwer tolerierbar, da radikal materialistisch. Sein Verfasser musste sogar aus den Niederlanden weichen, das sonst für die Freizügigkeit beim Buchdruck besonders bekannt war. La Mettrie war Agnostiker und Skeptiker. Er ergriff – z.B. in der Frage, ob es ein höchstes Wesen gebe – keine Partei und fand in dieser Urteilsenthaltung Seelenruhe und Glück. In einem war er allerdings entschieden: dass es außer Materie nichts gibt. Er widersprach Descartes, der von einer denkenden Substanz ausging. Als Empiriker ließ La Mettrie nur gelten, was der Erfahrung und Beobachtung zugänglich ist. Res cogitans ist für ihn ein Hirngespinst, die immaterielle Seele ein leerer Begriff. Der Mensch ist nur eine Maschine, zusammengesetzt aus Triebfedern. Aber: der Mensch ist eine „erleuchtete Maschine“. Die Seele ist eine Haupttriebfeder, ein Bewegungsmotor, des ganzen Mechanismus Mensch. Sie ist die „Einbildungskraft“ und als solche das Zentrum des Gehirns. Alle mentalen Ereignisse sind, vom Gehirn(zentrum) erzeugt, physisch. Zustände der Seele treten nur auf, wenn parallel körperliche Zustände einhergehen. Die Nähe von La Mettrie zur Neurologie besteht in den Thesen (1.) Es gibt nur eine Substanz, die Materie, also res extensa, (2.) von der zentralen Steuerung des Menschen durch sein Gehirn und darin, dass (3.) Seele als „Imagination“ / „Einbildungskraft“ zentraler Teil des (materiellen) Gehirns sei (Weitere Eigenschaften der Seele sind Wahrnehmung, Empfindung und Denken). Alle mentalen Ereignisse sind (!) demnach physische Ereignisse (Monismus: Identität von Körper und Seele). Der Seelenzustand steht immer in einem Zusammenhang zum Körper. (4.) Denken ist eine Eigenschaft von Materie wie Elektrizität, Bewegungsvermögen, Ausdehnung, etc.
 
 
Eine von verschiedenen Arbeitsgruppen befasste sich im lockeren Anschluss an den Vortrag von Prof. Kotchoubey mit dem Bewusstsein. Zunächst setzte man der statischen Vorstellung von Materie als Substanz die Vorstellung von Materie als Organisationsprinzip (Atome, Moleküle, Zellen, ...) entgegen. Damit ist der Begriff Materie flexibilisiert hin zu einem Funktionsbegriff. Für das Bewusstsein sind Gehirn, Nervensystem, Rückenmark die materielle Grundlage. Evtl. hat das Bewusstsein aber nicht nur eine elektrische, sondern auch bio-chemische (materielle) Grundlage. Denn auch bio-chemisch bedingte Zustände und Prozesse in meinem Körper sind eine Grundlage für die Bewusstseinsbildung des ja ganzheitlichen Menschen. Strittig blieb, ob Bewusstsein selbst Materie ist oder auf Materiellem aufruhendes Immaterielles. Möglicherweise ist das Bewusstsein eine Eigenschaft der Materie, so wie Härte oder Masse Eigenschaften eines Steines sind. Dann wäre Bewusstsein selbst Materie und alles wäre Materie. Denn auch Energie, Magnetismus, Gravitation sind Materie und als solche messbar. Möglicherweise können auch Bewusstseinsvorgänge einmal gemessen werden und uns fehlen heute nur noch die Instrumente dazu. Möglicherweise ist das Bewusstsein aber auch etwas Immaterielles, das aber auf alle Fälle auf Materiellem basiert, so wie es Prof. Kotchoubey vergleichend mit dem Geld vorstellte. Weiterhin kreiste die Diskussion um die Frage, wodurch Bewusstsein in Erscheinung tritt. Hier gab es die Meinung, Bewusstsein sei die Erkenntnis, dass ich verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Entscheidung habe. Evtl. beginnt Bewusstsein aber viel niederschwelliger, z.B. als Körperempfinden bzw. als Erleben, dass ich denke. Teil unseres – wie immer qualifizierten – Bewusstseins ist das Denkvermögen. Dies ist geprägt von Kultur, Bildung, Traditionen, etc. Das Bewusstsein ist also alles andere als eine tabula rasa. Weiterhin wurde noch die Frage nach dem Sitz des Bewusstseins aufgeworfen. Das Gehirn ist das Steuerzentrum. Aber der ganze Mensch ist ein Feedback für das Bewusstsein und bewusstseinsbildend. Schließlich wurde bemerkt, dass sich aus dem Bewusst-Sein nie eindeutig das Sollen ableiten lässt. Die Urteilskraft ist nicht nur im Bereich des Bewusst-Seins, sondern im Bereich des Sollens, womit man bei der Ethik angekommen ist.
 
 
An einem Abend sah die Tagungsgemeinschaft den Film von Petra Seeger über den Hirnforscher Eric Kandel (Auf der Suche nach dem Gedächtnis). Als Wiener Jude wurde ihm das Mantra der Holocaust-Überlebenden „Niemals vergessen“ zur Verpflichtung und im Jahr 2010 erhielt er für seine Forschungen zum Gedächtnis den Medizinnobelpreis. Der Film zeigt sein Leben im Nationalsozialismus, seine Erinnerung daran und was die Verbindung dieser Bereiche uns über das Gedächtnis lehrt – eine wunderbare Verknüpfung von Leben und Lehre.
 
 
Dr. Manfred Wimmer, Biologe und Philosoph am Department für Evolutionäre Anthropologie der Univ. Wien sprach über das Gehirn und die Emotionen. Bereits zu den Emotionen gibt es verschiedene Erklärungen, z.B. das Komponentenmodell. Demnach haben Emotionen eine physiologische (körperliche), eine expressive (mimische), eine subjektive (erlebnisorientierte) und eine kognitive (vernünftige) Komponente. Dies könnte freilich ergänzt werden, z.B. um eine sprachliche Komponente, denn wir erleben eine Emotion anders, wenn wir sie mehr oder weniger differenziert versprachlichen können. Bei der Sicht auf das Gehirn wird im Folgenden vom triune brain (dreigeschichteten Gehirn) ausgegangen: Schicht 1 wird als Reptiliengehirn bezeichnet, ist im Gehirn ganz innen, das Stammhirn sowie verlängerte Rückenmark und eben im Erdzeitalter der Reptilien gebildet; Schicht 2, das alte Säugetiergehirn, ist das limbische System, Zwischen- und Kleinhirn, entstanden vor ca. 6 Mio. Jahre; Schicht 3 betrifft u.a. Großhirn, Neocortex, bes. den Frontallappen. Schicht 1 zuzuordnen ist z.B. die Schreckreaktion, wenn wir plötzlich einer Schlange gegenüberstehen. Schicht 1 ist Schrittmacher für darüber liegende Schichten und reguliert die Grundhaltung, vom Koma bis zum klaren Wachzustand. Hier geht es um die Regulierung der grundlegenden physiologischen Milieus, z.B. dem bio-chemischen, hormonellen Haushalt. Von der Außenwelt wird hier direkt nichts wahrgenommen, sondern nur über die Veränderung im tiefen Inneren. Schicht 2 ist, philosophisch gesagt, der Sitz der „Stimmung“; nicht kognitiv durchdrungener emotionaler Zustände, unsere grundlegende Seinsverfassung: Angst, Panik, Wut, Neugier, Trauer, Furcht, Glück, ... Allerdings können diese basalen Emotionen nicht verortet werden, da eher neuronale Netzwerke und Substrate bedeutsam sind. Über den Hypothalamus, das vegetative, autonome Nervensystem, wird der Aktivitätsgrad bestimmt, in dem wir uns emotional befinden. Es arbeitet antagonistisch, d.h. es arbeitet mit zwei entgegengesetzten Zuständen. Der Sympathikus steht für Angriff, Kampf, ..., der Parasympathikus für Ruhe, Entspannung, ... Ein Gleichgewicht ist angestrebt. Die in Schicht 2 verhandelten Emotionen haben vielerlei Funktionen. Z.B. bieten sie einen internen Zustandsbericht, bewerten die Wahrnehmungen, bauen Motivation auf und energetisieren den Menschen, stützen das Gedächtnis (was [in Schicht 3] emotional belegt abgespeichert wird, wird besser erinnert), dienen der Verhaltensflexibilisierung, stärken das Soziale (Affekte halten Individuen als Gruppe basal zusammen), etc. In Schicht 2 gibt es im limbischen System auch spezifische Areale, z.B. den Mandelkern (Amygdala). Er ist zuständig für Angst bzw. Aggression, z.B. für das Erkennen eines wütenden Gesichtsausdrucks als solchen. Bei posttraumatischen Belastungsstörungen „feuert“ der Mandelkern sehr niederschwellig. Der Mandelkern alarmiert den Hypothalamus in der 3. Schicht. Schicht 3, z.B. der frontale Cortex, Neocortex, ist das jüngste Kind der Evolution. Beim Einzelnen ist die Cortexbildung erst mit 20 / 25 Jahren abgeschlossen und zwar auf recht individuelle Weise. Diese Schicht ist wichtig für das Lernen und Gedächtnis, die Organisation von Wissen, Impulse zum Auslösen von Handlungen. Schicht 3 ist nicht direkt an Emotionen beteiligt, reagiert aber auf Emotionen. Z.B. sind bei Angst oder Stress das Lernen und das Gedächtnis eingeschränkt. In Schicht 3 passiert die Emotionsregulierung und Impulskontrolle. Vom Frontallappen kommen dämpfende Impulse zum limbischen System über hemmende Nervenbahnen. Wenn diese Funktion z.B. aufgrund lang anhaltendem Stress überstrapaziert ist, funktioniert diese Regulierung nicht gut (Beruhigungsmittel sind dann oft der Ersatz.). Auch bei Demenz ist der Frontallappen beeinträchtigt und die archaischen Emotionen aus Schicht 2 treten unreguliert zutage. Umgekehrt werden in Schicht 3 an sich neutrale Vorgänge, die sonst nur z.B. nach Kosten-Nutzen-Überlegungen entschieden würden, mit bewertenden Emotionen belegt.
 
 
Nach dem von Tina Bär und Dr. Volker Mueller geleiteten abschließenden Akademie-Forum wurde die Verbindung von neurologischen Ergebnissen bzw. Betrachtungen mit philosophisch-psychologischen Kategorien auf dieser Tagung als bereichernd erfahren. Auch war die Tagung ein gelungener Mix aus verschiedenen Zugängen bzw. Arbeits- und Begegnungsformen (Vortrag, Diskussion, Arbeitsgruppen, Exkursion, Filmvorführung, Geselligkeit). Als angenehm wurde auch erlebt, dass keinen Einseitigkeiten (rigoroser Determinismus, extremer Idealismus) das Wort geredet wurde, sondern Kompatibilitätsmodellen verschiedener Varianz.
 
 
Ein Tagungsband zu der hier vorgestellten Tagung zum menschlichen Gehirn wird als Band Nr. 38 der Schriftenreihe der FA 2019 zum Preis von 19,90 EUR erscheinen und kann beim Angelika-Lenz-Verlag bereits jetzt vorbestellt werden. Er knüpft an eine Tagung der FA zum Thema Bewusstsein an, deren Vorträge als Band Nr. 29 bereits 2010 erschienen sind und beim A.-Lenz-Verlag bzw. im Buchhandel zum Preis von 15,00 EUR erhältlich ist.
 
Dieter Fauth
Humanismus gemeinsam gestalten
In den letzten fünf Jahren ist zwischen dem Humanistischen Verband Hessen und der Humanistischen Gemeinschaft Hessen (HuGH) eine enge Verbindung gewachsen.
Neben dem persönlichen Austausch war dabei auch immer die organisatorische Partnerschaft wichtig. Im praktischen Bereich konnte die JugendFEIER und der Lebenskundeunterricht von der Zusammenarbeit beider Organisationen und der guten Vernetzung zu den anderen Landesverbänden des HVD profitieren. In den politischen und gesellschaftlichen Aktionen haben wir gemeinsam mit einer Stimme gesprochen. So kam der Wunsch auf, die zwei Verbände mit denselben Zielen auch organisatorisch zusammenzuführen.
Um die gemeinsamen Kräfte zu bündeln, hat die Landesmitgliederversammlung des HVD Hessen im Januar den Auftrag gegeben, der traditionsreichen und mitgliederstärkeren Humanistischen Gemeinschaft Hessen beizutreten. Dieser Antrag wurde am 28.04.2018 durch eine außerordentliche Landesversammlung der HuGH angenommen. Beide Abstimmungen erfolgten einstimmig ohne Enthaltungen.
Unter dem Dach der Humanistischen Gemeinschaft Hessen existieren bisher sechs Ortsgemeinschaften in Egelsbach/Erzhausen/Langen, Langenselbold/Main-Kinzig, Mörfelden-Walldorf und Kreisgemeinden, Neu-Isenburg, Krofdorf-Gleiberg/Gießen/ Wetzlar und Wiesbaden. Die Mitglieder des HVD Hessen werden nun zwei weitere Ortsgemeinschaften bilden, den HVD Frankfurt und HVD Gießen.
Im nächsten Schritt strebt die Humanistische Gemeinschaft Hessen den Beitritt zum HVD Bundesverband an. Dieser hat bereits im September 2017 bei seiner Bundesdelegiertenversammlung bestätigt, dass er einen Beitritt der HuGH zum HVD Bundesverband begrüßen würde. Hessen wäre damit nach Berlin-Brandenburg und Niedersachsen der drittgrößte Landesverband des HVD bezogen auf die Mitgliederzahl.
Erwartungsvoll sehen wir auf die vor uns liegende Zeit und freuen uns diese gemeinsam zu gestalten.

Mit Vernunft und Mitgefühl: ein Besuch bei den humanistischen Schulen in Uganda
Ein Bericht von Renate Bauer
Zur Einführung: Seit einigen Jahren schon unterstützen die freireligiöse Immanuel-Kant-Gemeinde in Neustadt/Weinstraße und ich die humanistischen Schulen in Uganda. Bisher waren es die Berichte von Steve Hurd und seiner Frau Hillary, die Leiter der Stiftung Uganda Humanist School Trust, die uns ermutigten, diese Schulen zu fördern und auch einzelne Schüler mit Stipendien zu begleiten.
Dieses Jahr nahm ich die Gelegenheit wahr, selbst die Schulen im Rahmen der Freundschaftswoche, wie die jährlichen Besuche der Stiftungsleiter und anderer Freunde der Schule genannt werden, zu besuchen. Die Schulen bestehen seit nunmehr 10 Jahren. Sie wurden auf Eigeninitiative humanistischer Ugander gegründet, die die politisch stabilen Verhältnisse ihres Landes dazu nutzen wollten, nicht nur humanistische Ideen zu verbreiten, sondern jungen Menschen zu einer guten Bildung vor allem auch im wissenschaftlichen Bereich zu verhelfen.
Beide Schulen liegen in ländlichen Bereichen des Landes, abseits der größeren Städte. Sie sind wie praktisch alle Sekundarschulen des Landes Privatschulen, d.h., es müssen Schulgebühren bezahlt werden. Trotz der Armut gerade im ländlichen Bereich, wo die Bauern darauf hoffen müssen, dass sie die Überschüsse ihrer Ernten verkaufen können, streben viele Familien danach, ihre Kinder nach der Grundschule, die in Uganda sieben Jahre umfasst, auf eine weiterführende Schule zu schicken. Bildung ist inzwischen in vielen Gegenden, noch längst aber nicht überall, für die Menschen wichtig geworden, um ein besseres Leben zu erreichen.
Beide Schulen, die Mustard Seed School (Senfkorn), in Busota bei Kamuli gelegen, und die Isaac Newton School, bei Musaka, konkurrieren mit anderen Schulen, vor allem christlichen, aber auch muslimischen und den wenigen staatlichen Sekundarschulen um Schüler und Anerkennung. Nach vier Jahren weiterführenden Schulbesuchs machen die Schüler die Prüfung zum O-Level, was unserer mittleren Reife entspricht, und bei entsprechendem Abschneiden nach weiteren zwei Jahren die A-Level-Prüfung (Abitur) für die Universität.
Aufgrund der Lage haben viele Schüler weite Wege bis zur Schule. Daher wurden in beiden Schulen mit entsprechender Förderung durch Spender Internatsmöglichkeiten geschaffen, sodass nun etwa die Hälfte der Schüler in der Schule wohnt und nur während der Ferien nach Hause geht. Von diesen Schülern werden bei mangelndem Verdienst der Eltern die besten durch Stipendien gefördert. Ein Stipendium beträgt 300 Engl. Pfund im Jahr, circa 360 Euro. Wer einen bestimmten Schüler fördern möchte, muss sich verpflichten, dies für mindestens vier Jahre zu tun, damit der/die Schüler/in auch eine Perspektive hat.


Mustard Seed School
Doch genug der trockenen Vorrede. Als wir nach mehrstündiger Fahrt von Kampala an der Nilquelle bei Jinja vorbei die Schule erreichten, war es früher Nachmittag. Schon an der Hauptstraße weist ein Schild auf die Schule hin. Man erreicht sie nach wenigen hundert Metern, abseits der asphaltierten Hauptstraßen über die üblichen Sandpisten. Es war sehr ruhig, da wir gegen Ende des Nachmittagsunterrichts eintrafen. Schuldirektor Moses Kamya und die Hauptlehrerin Annett begrüßten uns und führten uns durch das Schulgelände.
Wer nun ein deutsches Schulgelände im Kopf hat, muss sich mental sehr umstellen. Die Gebäude sind alle einstöckig, mit Veranden, auf denen Schüler ihre Bänke aufstellen und Stillarbeit machen können, die Wege dazwischen ungepflastert und ungeteert. In der Mustard Seed School haben die Schüler des humanistischen Klubs, den es dort wie auch die Pfadfinder, den Wirtschaftsklub u.a. gibt, entlang der Gebäude Beete mit einheimischen Pflanzen angelegt, um das Wissen über die örtliche Natur zu fördern. Die Gebäude selbst sind sehr einfach, vier Wände mit Fenstern und Tür, ein Dach. Die Schule hat insgesamt drei Flächen, auf denen sich ihre Gebäude verteilen. Auf der ersten Fläche sind neben zwei Klassenzimmergebäuden auch das Mädchenhostel sowie die Schulküche untergebracht und die Räume für die Lehrer. Auf der zweiten Fläche befindet sich neben Klassenräumen das Jungenhostel, auf der dritten Fläche wurde gerade ein weiteres Klassenzimmergebäude errichtet, und dort sind auch der Sportplatz für die Schüler sowie die Wasserpumpe. Die Schule selbst ist ans örtliche Stromnetz angeschlossen, verfügt aber auch über eine Solaranlage wegen der häufigen Stromausfälle.
Das größte Problem dieser Schule ist Wasser. Alle Schüler müssen ihr Wasch- und Trinkwasser an der einzigen Wasserpumpe der Schule holen. Das ist mühsam und zeitraubend. Einer der wichtigsten Diskussionspunkte bei unserem Besuch war eine bessere Wasserversorgung. Da erlebten wir leider auch, dass trotz eines recht gut funktionierenden Staates Vetternwirtschaft nicht ganz verschwunden ist, denn eigentlich sollte die Schule schon an eine Wasserleitung angeschlossen sein, aber die örtliche Parlamentsabgeordnete ließ die Leitung zuerst in ihr Dorf führen und nun ist das Geld alle. Die Stiftung aber betrachtet das Anlegen einer Wasserleitung (ca. 3 km zum nächsten Anschluss) als vordringliches Problem.
Als erstes besuchten wir am anderen Morgen drei Familien im Ort aus unterschiedlichen Verhältnissen. Wir wurden sehr freudig begrüßt und erfuhren auch viel über Landwirtschaft in Uganda. Manche Biobauern bei uns können noch von den Ugandern über Mehrfruchtwirtschaft und Fruchtkombinationen zur Düngung und Abwehr von Schadinsekten lernen. Das nur nebenbei. Am Nachmittag traf ich mich mit dem humanistischen Klub. Es kamen viele Fragen, etwa nach humanistischen Feiern und Feiertagen, aber auch nach dem Umgang mit Fehlverhalten, denn viele Schüler und Lehrer kennen nur Strafmethoden in strenger Form, obwohl in Uganda das Schlagen von Schülern verboten ist. Und so diskutierten wir über Respekt und Empathie und Vernunft. Danach besuchte ich das Projekt des Klubs: Sie züchten Hähnchen zum Verkauf an die Schule, damit das Essen der Schüler, das in erster Linie wie überall aus Maisbrei und Bohnen besteht, durch Proteine angereichert werden kann. Am nächsten Tag sprach ich vor allen Schülerinnen über Frauenrechte, aber auch über Frauengesundheit. Am Ende erhielten die Schülerinnen ihre jährliche Gabe an Afripads (Monatsbinden, die in Afrika hergestellt werden und gewaschen werden können, sodass sie ein Jahr lang benutzt werden können, wodurch weniger Abfall und keine Kosten für die Schülerinnen entstehen).
Später übte ich mit dem Schulchor das Lied „Die Gedanken sind frei“ auf Englisch ein. Am letzten Tag wurde ein Schulfest gefeiert, zum einen zur Eröffnung des neuen Gebäudes, aber noch mehr zur Begrüßung der Gäste. Nach den üblichen Ansprachen sang der Schulchor mit mir das eingeübte Lied, und es fand bei allen Anwesenden, auch Eltern, große Zustimmung. Die Scoutgruppe zeigte traditionelle Tänze. Anschließend wurden bei einem zum ersten Mal veranstalteten Vorlesewettbewerb Preise vergeben. Das bewirkte, dass nun alle Belletristik aus der Schulbücherei (wird von der Stiftung unterstützt) verschwunden ist, weil alle nun lesen. Die Schule selbst ist stolz auf ihr gutes Abschneiden bei Wettbewerben in Naturwissenschaften und bei den Pfadfindern. Auch dadurch ist sie für neue Schüler und ihre Familien attraktiv. Ein Problem bleibt: Einige Familien können nur mühsam das Schulgeld und das Geld für die Prüfungen aufbringen, der Distrikt ist sehr arm, und wenn die Ernte schlecht läuft, versucht die Schule zu überbrücken, so gut es geht, um guten Schülern den Besuch weiter zu ermöglichen. Daher sind fest zugesagte Stipendien sehr wichtig.

Isaak Newton High School
Auf einem Hügel gelegen, besteht diese Schule aus einem Campus, auf dem alle Gebäude zusammen stehen. Diese Schule verfügt über eine gute Wasserquelle, sodass im Gelände mehrere Zapfstellen vorhanden sind, ihr Problem ist der Stromanschluss. Momentan wird mit Generator und Solarzellen gearbeitet, aber der Schule und den umliegenden Dörfern ist die Elektrizitätsleitung fest zugesagt. Auch diese Schule hat viele Schülerklubs, und ihr Schwerpunkt liegt ebenfalls in Naturwissenschaften. Während unseres Aufenthaltes erlebten wir den Unterricht mit. Ich sprach wie zuvor mit der humanistischen Schülergruppe. Sie engagiert sich in den umliegenden Dörfern, indem sie für alleinstehende Frauen und alte Menschen Trockengestelle baut und Latrinen mit Handwaschgelegenheit. Darauf sind sie sehr stolz, und die Menschen sehr froh über diese in unseren Augen kleinen Hilfen, aber für die örtlichen Gegebenheiten bildet das Engagement eine wichtige Unterstützung und Krankheitsprävention.
Sie führten uns dazu im Dorf herum, mitten im Gewitterregen, was aber der Fröhlichkeit und Begeisterung der Schüler keinen Abbruch tat. Und der Regen hinderte sie auch nicht, tausend Fragen an uns Besucher zu stellen und uns über alles, was wir sahen, zu informieren. Ein Höhepunkt war ebenso der neu eingeführte Vorlesewettbewerb, bei dem wir als Besucher diesmal die Jury bildeten. Die Freude der Preisträger (alle erhielten ein Lexikon und einen kleinen Geldbetrag) war groß und wirkt sich nun ebenfalls in einer viel stärkeren Benutzung der Schulbibliothek aus.
Am nächsten Tag unterstützten wir die Abstimmung der Schülerinnen über den Namen ihres neuen Mädchenhostels. Da war die Spannung groß, bis aus den vier Schlussvorschlägen der Name Malala-Hostel als Gewinner aus der Auszählung der Stimmen hervorging und wir am letzten Tag bei einem Fest feierlich durch das Gebäude schritten. Auch hier zeigten die Schüler und Schülerinnen ihr tänzerisches und musikalischen Können beim Fest. Schulleiter Peter Kisirinya konnte dazu die örtliche Prominenz begrüßen und den Ethos der Schule als humanistische Schule vorstellen, in der die Anhänger aller Religionen und Nichtgläubige einander respektieren, miteinander leben und lernen.
Die Herausforderung dieser Schule besteht darin, dass weitere Klassenräume gebaut werden müssen, denn auch sie ist inzwischen so attraktiv durch ihre hohe Qualität, dass die unterste Klasse zweizügig unterrichtet werden muss, da inzwischen hundert Schüler in der Stufe angemeldet wurden.
Fazit: In beiden Schulen konnte ich erfahren, mit welcher Freude Schüler und Lehrer den nicht leichten Alltag meistern, welche guten Ergebnisse sie erzielen in Zuständen, die wir als unmöglich bezeichnen würden, aber für ugandische Verhältnisse hervorragend sind, und welches Leistungsniveau sie dabei erreichen. Viele Schüler können ohne Weiteres ein deutsches Abitur bestehen. Besser ist auch die Versorgung der Schulen mit Computern, die nicht ans Internet angeschlossen sind, aber speziell für dortige Verhältnisse mit allen Programmen einschließlich einer Offline-Bibliothek ausgerüstet sind.
Was wichtig ist:
wenn irgend möglich, die Unterstützung einzelner Schüler durch Stipendien. 360 Euro im Jahr helfen dem einzelnen Kind und der Schule insgesamt.
die Versorgung mit Büchern zum Lesen und vor allem über Humanismus (in Englisch),
die Unterstützung der Bauvorhaben durch entsprechende Spenden.
Eine Verbesserung der Lehrergehälter, um gute Lehrer zu halten. Dazu dient auch die Möglichkeit, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, was beide Schulen anstreben.
Man kann hier mit relativ wenig Geld sehr viel erreichen, und es ist gut angelegt, nicht nur zur Förderung dieser jungen Menschen, auch zur Verbreitung humanistisch-freigeistiger Ideen und zur Unterstützung eines toleranten und achtungsvollen Miteinanders in der Gesellschaft. Uganda ist ein sehr religiöses Land. Dies muss man beachten und kann gleichzeitig das Miteinander unterstützen. Spenden können zweckgebunden an den DFW gegeben werden, wir leiten sie an den Uganda Humanist School Trust weiter. Dafür können auch Spendenbescheinigungen ausgestellt werden. Ich bin gerne bereit, die Schulen bei Vorträgen ausführlicher vorzustellen.
Renate Bauer


Provenienzforschung und Restitution an der Bayerischen Staatsbibliothek in München
Foto: Ortrun Lenz, Freigeistige Aktion  für humanistische Kultur e.V., Dr. Stephan Kellner, BSB, Renate Bauer,  Präsidentin Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V, Assunta Tammelleo, Bund für Geistesfreiheit München / (Foto: BSB, I. Gessner)

Am 24. Juli 2017 restituierte die BSB zehn Buchtitel des Kartells der freiheitlichen Vereine in München an den Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. Die Ortsgruppe des Kartells wurde 1933 verboten. Diese Bücher waren durch die Geheime Staatspolizei, eine Organisation des NS-Regimes, beschlagnahmt worden. In einigen der Bücher befinden sich auch Besitzstempel von Max Riess, einem der Gründungsmitglieder des Kartells.

Drei Restitutionen von NS-Raubgut: Bayerische Staatsbibliothek gibt insgesamt 56 Bücher zurück
Die Bayerische   Staatsbibliothek (BSB) restituiert aus ihren Beständen 56 unrechtmäßig   erworbene Bücher an zwei Einrichtungen und eine Privatperson und stellt   sich damit ihrer Verantwortung.
Die in  Berlin ansässige Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“  (GNML) erhält 45 unrechtmäßig von der BSB erworbene Titel zurück. Die   Bücher werden am 27.7.2017 in Berlin überreicht - in einem gemeinsamen   Termin mit der Universitätsbibliothek Leipzig und der Zentral- und   Landesbibliothek Berlin, die ebenfalls Bücher an die Loge restituieren.  
Das NS-Regime   hatte die deutschen Freimaurerlogen ab 1933 zur Auflösung gezwungen,   zwei Jahre später die Freimaurer verboten, viele Logenbrüder wurden   verfolgt. Die restituierten Titel waren 1938/39 durch ein Tauschgeschäft mit der SS-Schule „Haus Wewelsburg“ in die Bayerische Staatsbibliothek   gekommen. Bei dieser Transaktion hatte diese vom   Reichssicherheitshauptamt in Berlin als Gegenleistung für eigene   Doppelstücke zahlreiche Bücher aus Freimaurerbibliotheken erhalten. Die   Werke stammen zum Großteil aus der Bibliothek der Loge „Zu den drei   Weltkugeln; einige Bücher gehörten Logen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wieder errichtet wurden; die GNML ist hier Rechtsnachfolger.  
Am 24.7.2017 restituiert die BSB in München zehn Buchtitel des „Kartells   der freiheitlichen Vereine in München“ an den „Dachverband Freier   Weltanschauungsgemeinschaften e.V.“. Die Ortsgruppe des Kartells wurde   1933 verboten. Diese Bücher waren durch die Geheime Staatspolizei, eine Organisation des NS-Regimes, beschlagnahmt worden. In einigen der   Bücher befinden sich auch Besitzstempel von Max Riess, einem der   Gründungsmitglieder des Kartells.
Bereits am 4.7.2017 gab die BSB eine 1922 erschienene Ausgabe von Rosa   Luxemburgs „Koalitionspolitik oder Klassenkampf?“ an Ernst Grube, den   Urenkel des Eigentümers Wilhelm Olschewski zurück. Im Buch findet sich   der gestempelte Besitzvermerk Wilh. Olschewski. Er weist auf zwei   Münchner Widerstandskämpfer hin, die von den Nationalsozialisten   ermordet wurden. Wilhelm und Wilhelm Olschewski jun., Vater und Sohn,   waren während des 2. Weltkriegs im kommunistischen Widerstand aktiv. Das Buch wurde wohl 1942 konfisziert und schließlich der BSB übermittelt.
Dr. Klaus Ceynowa, Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek: „Die   Bayerische  Staatsbibliothek arbeitet kontinuierlich und zügig daran,   während der NS-Zeit unrechtmäßig erworbene Werke an die Eigentümer oder   ihre Nachkommen zurückzugeben. Mit der öffentlichen Rückgabe der   beraubten Bücher und Handschriften stellt sich die Bibliothek ihrer   Verantwortung für ihre Verstrickung in NS-Unrecht.“
Seit 2003 sucht die Bayerische Staatsbibliothek aktiv und zunächst in   Eigeninitiative nach NS-Raubgut in ihren Beständen: So erhielt 2007 das   Thomas-Mann-Archiv Zürich 78 Bände aus der Bibliothek des   Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers. Die Förderung durch das   Deutsche Zentrum Kulturgutverluste trägt seit 2013 sehr dazu bei, die   Recherchen voranzutreiben und Rückgaben zügig durchzuführen: 2015 konnte das Plocker Pontifikale, das älteste polnische Pontifikale, an die   katholische Kirche in Polen zurückgegeben werden. Vor wenigen Wochen   erst restituierte die BSB gemeinsam mit der Generaldirektion der   Staatlichen Archive Bayerns 44 Werke an die Nachkommen des Münchner   Orientalisten Prof. Karl Süßheim.
Über die Bayerische Staatsbibliothek:
Die Bayerische Staatsbibliothek, gegründet 1558 durch Herzog Albrecht V.,   genießt als internationale Forschungsbibliothek Weltrang. Mit mehr als   10,3 Millionen Bänden, rund 59.000 laufenden Zeitschriften in   elektronischer und gedruckter Form und knapp 131.000 Handschriften   gehört die Bibliothek zu den bedeutendsten Wissenszentren und   Gedächtnisinstitutionen der Welt. Mit über 1,9 Millionen digitalisierten Werken verfügt die Bayerische Staatsbibliothek über den größten   digitalen Datenbestand aller deutschen Bibliotheken. Die Bibliothek   bietet vielfältige Dienste im Bereich innovativer digitaler   Nutzungsszenarien an.

Bildnachweis: Bayerische Staatsbibliothek/Öffentlichkeitsarbeit
Zehn Bücher restituiert die Bayerische Staatsbibliothek an den "Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.".

Ansprechpartner:
Dr. Stephan Kellner | DBB/Bavarica-Referat | Tel. 089/28638-2278 | E-Mail: stephan.kellner@bsb-muenchen.de
Peter Schnitzlein | Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Tel.: 089/28 638-2429 | E-Mail: presse@bsb-muenchen.de


Brücken bauen – aus religiöser Überzeugung
Europäischer Unitariertag 2017 mit Teilnehmern aus aller Welt
Eine gelungene Premiere: Der erste Europäische Unitariertag, der am vergangenen Wochenende stattfand, ging am Montag zu Ende. Warum das ein echter Erfolg war.
Aus ganz Europa und sogar aus Japan, Amerika, Australien und Neuseeland sind sie angereist. Rund 340 Teilnehmer trafen sich am verlängerten Pfingstwochenende zum Europäischen Unitariertag im Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm. Dabei ging es beileibe nicht nur um religiöse Fragen. Rev. Dr. William F. Schulz, ehemaliger Generalsekretär von amnesty international USA, ging in seinem Vortrag der Frage nach, wie die Demokratie bewahrt werden kann. „Für uns bedeutet Demokratie oft, dass die Bürger eines Landes ihre Meinung ohne Angst vor Verfolgung ausdrücken können und ihre Staatsoberhäupter frei wählen können“, erläuterte Schulz dem Publikum. Doch tatsächlich sei eine wahre Demokratie weit mehr als nur das – „sie hängt von etwas ab, was wir oft Kosmopolitismus nennen“, sagte er. Das seien etwa gemeinsame Werte oder der Geist der Großzügigkeit, alles in allem sei Demokratie aber vor allem ein Lebensgefühl. Besonders der unitarische Glaube beruht auf diesem kosmopolitischen Ideal. „Warum gewinnt aber der Kosmopolitismus nicht und warum schrumpfen Demokratie und Freiheit?“, fragte er in die Runde. Eine Antwort, die Schulz fand, liegt in der Biologie des Menschen verborgen. Jede Mutter und jeder Vater sei gewillt, sein Kind zu schützen. Da niemand wissen könne, ob man einem Fremden trauen kann, vertrauten wir lieber auf unsere gelernten Stereotype und machten Verallgemeinerungen über Menschen, die wir nicht kennen. Der Nationalismus scheint für einige so eine einfache Antwort zu sein, um sich vermeintlich zu schützen.
Doch trotz der derzeit düsteren Aussichten machte Schulz den Unitariern Mut. „Die Geschichte wird nicht von Gott oder der Ökonomie geschrieben, sondern von menschlicher Hand“, erinnerte er. So zählte er einige Beispiele auf, nach denen der Mensch die Welt schon zum Besseren verändern konnte. Während beispielsweise 1975 noch 44 Prozent der Menschen in extremer Armut lebten, sind es heute gerade einmal mehr zehn Prozent. „Natürlich ist es wahr, dass die Ungleichheit zwischen Arm und Reich so groß ist wie nie“, gestand er. Doch auf lange Sicht gesehen sei sehr wohl eine positive Veränderung erkennbar. Außerdem seien die Menschen keine Sklaven ihrer Gene. So würden wir zwar oft auf unsere gelernten Stereotype vertrauen, wüssten aber zugleich, dass sie dumm sind und könnten uns von ihnen lösen. Ein weiterer Weg, wie das funktionieren kann, könne durch Empathie erreicht werden, die durch bewegende Geschichten geweckt würde.
Prof. Dr. Manuela Kalsky zeigte anhand der Bevölkerungsentwicklung in den Niederlanden auf, dass die Mitgliedschaft in nur einer Religionsgemeinschaft auf dem Rückzug ist. Immer mehr Menschen bezeichnen sich als „Mehrfache Gläubige“, die sich zu mehreren Religionen bekennen. Ihr Forschungsprojekt „Ein neues Wir“ sucht nach Wegen zu Gemeinsamkeiten in dieser diversen Welt. Unitarier könnten dabei aufgrund ihres liberalen Religionsverständnisses einen wichtigen Beitrag leisten.
Spätestens, als am Sonntag in der Feierstunde alle Teilnehmer gemeinsam das Lied „Egal was du glaubst, du bist frei“ anstimmten, war klar: Dieser erste Europäische Unitariertag war ein voller Erfolg – auch für das Familienzentrum Neu-Ulm, dem die Sammlung bei der Feierstunde für deren Integrationsprojekte zugutekommt.

Kontakt:
Unitarier - Religionsgemeinschaft freien Glaubens
c/o Prof. Dr. Karsten Urban
karsten.urban@unitarier.de
0160 / 97 360 720

Prof. Dr. Manuela Kalsky
Prof. Dr. William F. Schulz
Tagungsbericht "Macht der Bilder, Macht der Sprache" der Freien Akademie

„Macht der Bilder, Macht der Sprache“ war das Thema der wissenschaftlichen Tagung, welche die Freie Akademie vom 25. bis 28. Mai 2017 in der Frankenakademie Schloss Schney in Lichtenfels durchführte.
Nach der Begrüßung der Tagungsteilnehmer durch den Präsidenten der Freien Akademie, Dr. Volker Müller (Falkensee), verwies der wissenschaftlichen Tagungsleiter Prof. Dr. Walter O. Ötsch (Bernkastel-Kues) in seinem einleitenden Vortrag „Die Bedeutung von Bildern für das `Denken´“ auf die Tatsache, daß die Macht der Sprache von ihrer Fähigkeit abhängt, kräftige innere Bilder im jeweiligen Adressaten hervorzurufen. Davon ausgehend umriss er wichtige inhaltliche Schwerpunkte der Veranstaltung und stellte die einzelnen Vorträge und Vortragenden kurz vor.
Prof. Dr. Pia Knoeferle (Berlin) referierte über „Sprache und Bilder“. Dabei untersuchte sie umfassend den Beitrag und den Einfluss visueller Eindrücke zum Sprachverstehen und stellte aktuelle Forschungsergebnisse zu diesem Thema vor.
In ihrem Vortrag „Bildlichkeit in der Geschichte der Philosophie“ spannte Dr. Kirstin Zeyer (Nimjegen) den inhaltlichen Bogen vom antiken delphischen „Erkenne Dich selbst“ über die christliche Spätantike (Augustinus), das Mittelalter (Johannes Scottus), die Renaissance (Nikolaus von Kues, René Descartes) bis zur modernen kulturphilosophischen Diagnose von der „Krise der Selbsterkenntnis“ (Ernst Cassirer).
Ursprung und Inhalte der „Werbung für die Soziale Marktwirtschaft“ standen im Mittelpunkt des Beitrages von Dr. Dirk Schindelbeck (Jena). Er verwies eingangs auf die im Hitlerreich liegenden Wurzeln dieser Werbung (z.B. Plakate aus dem Jahr 1937) und schilderte dann ausführlich die Strategie und die Verwendung bestimmter immer wiederkehrender Bilder in den propagandistischen Aktivitäten, welche der Unternehmerverband „Die Waage e.V.“ seit 1952 auf diesem Gebiet unternommen hat (Anzeigenkampagnen, Plakate, Broschüren, Kinofilme). Diese haben letztendlich zur Durchsetzung der CDU-Wirtschaftspolitik von Ludwig Erhard beigetragen.
Ausgehend von der Tatsache, dass der Rechtspopulismus eine Erscheinung in allen europäischen Ländern ist, analysierte Prof. Walter O. Ötsch in seinem Vortrag ausführlich die „Bilder des Rechtspopulismus“. Rechtspopulismus, so seine grundlegende These, ist ein demagogischer Denkmodus, hinter dem ein Bildmodus steht: das Bild einer zweigeteilten Gesellschaft – auf der einen Seite nur gut, nur wahr, immer Opfer; auf der anderen Seite nur böse, nur falsch, immer Täter. An zahlreichen Beispielen demonstrierte er, dass in diesem rechtsdemagogischen Denken Eskalationsspiralen eingebaut sind, die eine ernste Gefahr für die Demokratie beinhalten.
Im Mittelpunkt der Ausführungen von Prof. Dr. Silja Graupe (Bernkastel-Kues) über „Sprache und Beeinflussung in der ökonomischen Bildung“ stand die Frage, wie ökonomische Bilder in der ökonomischen Bildung, vor allem in den Standardlehrbüchern der ökonomischen Bildung geprägt werden. Gibt es eine Indoktrination in der ökonomischen Bildung, eine Überbetonung marktwirtschaftlicher Frames? Zusammenfassend plädierte sie für eine stärkere Berücksichtigung solcher Frames wie Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit in der politischen Bildung.
In einem Kurzvortrag stellte Tina Beyer (Berlin) das im Jahre 2016 erschienene Buch „Was für Lebewesen sind wir?“ des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky vor.
Ausgangsthese des Vortrages von Dr. Stephan Pühringer (Linz) über „Bilder der ÖkonomInnen zur Finanzkrise 2008“ war die Frage, wieso dieses einschneidende Ereignis zu keiner fundamentalen Neuausrichtung der ökonomischen Wissenschaft im deutschsprachigen Raum führte? Er konstatierte, dass es zwar zu einer kurzen Phase der Selbstreflexion der ökonomischen Theorie kam, dass diese aber auf ökonomischer, politischer wie medialer Ebene sehr früh von sog. Staatsschulden-, Eurokrisen- und Staatshaushaltsdiskursen überlagert wurde. In diesen Diskursen wurden bestimmte Bilder/Metaphern wie Finanzkrise als „Krankheit“, als „Naturereignis“ bzw. „Naturkatastrophe“ benutzt, wodurch alternative Diskurse verhindert werden sollten und verhindert wurden.
Alle Vorträge waren Ausgangspunkt für intensive Diskussionen der Tagungsteilnehmer.
Dr. Wolfgang Heyn
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