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Zum Gedenken an Diderot

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Zum Gedenken an Denis Diderot – Aufklärer und Freigeist

Diderot gehört gewiss zu den herausragenden Aufklärern Frankreichs, die mit ihren Ideen die Französische Revolution von 1789 geistig mit vorbereitet haben. Mit seinen philosophischen Auffassungen, mit seinem skeptizistischen und kritischen Denken stellte er konsequent die unfreien Verhältnisse des „Ancièn Regime“ des Ludwig XV. und der unseligen Allianz von Thron und Kirche in Frage. Besondere Verdienste erwarb er sich durch die Konzipierung und Herausgabe der „Encyclopédie“ und durch seine natur- und wissenschaftsphilosophischen Schriften.

Am 5. Oktober 1713 in Langres als Sohn eines Messerschmiedes geboren, lernt er die sozialen Verhältnisse des Dritten Standes gut kennen, erwirbt sich aber seine Bildung bei den Jesuiten und dann auch bei den Jansenisten. Als Bohemién sammelt er in Paris seine ersten Lebenserfahrungen und knüpft Kontakte zu den Aufklärerkreisen. In den vierziger Jahren entstehen seine ersten Schriften, die von der Suche nach neuen philosophischen Positionen zeugen. Er entwickelt dann vor allem in seinen Werken „Brief über die Blinden“ (1749) und „Gedanken zur Interpretation der Natur“ (1754) erkenntnistheoretische und naturphilosophische Überlegungen, die einen materialistischen und atheistischen Charakter haben. Diese Grundpositionen finden wir auch in seinen weiteren Werken, wie „D´Alemberts Traum“ (1769) und „Philosophische Grundsätze über Materie und Bewegung“ (1770).

Die von Diderot konzipierte „Encyclopédie, ou Dictionaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ markiert einen Höhepunkt in der Geschichte der Wechselbeziehungen von Philosophie, Wissenschaften und praktischen Bedürfnissen. Dieses grundlegende Werk der französischen Aufklärung erscheint von 1751 bis 1772 in 17 Text- und 11 Bildbänden; von 1747 bis 1758 wirkt Jean le Rond d´Alembert als Mitherausgeber. Doch vor allem Diderot ist es zu verdanken, dass dieses Werk trotz enormer Angriffe seitens kirchlicher Kräfte und der Monarchie wie auch materieller Schwierigkeiten vollständig bis 1772 erscheint. Die über 150 Mitarbeiter an der „Encyclopédie“ - unter ihnen Voltaire, Holbach, Rousseau, Montesquieu, Buffon, Marmontel, Quesnay und Turgot - kritisieren vom Standpunkt der Vernunft alles: Wissenschaft, Naturanschauung, Staatsordnung und Religion.

Die „Encyclopédie“ trägt im 18. Jahrhundert maßgeblich zur Systematisierung, Klassifizierung und Verbreitung des menschlichen Wissens bei und dient damit dem wissenschaftlichen, technischen und sozialen Fortschritt. Gerade die systematische Darstellung der mechanischen Künste, die Diderot selbst in der Hand hat, wird einem praktischen Bedürfnis der bürgerlichen Emanzipations-bewegung gerecht, ist sie doch nutzbar für das Erlernen und Lehren verschiedenster technologischen Vorgänge.

In den 790 „Encyclopédie“-Artikeln, die Diderot selbst schreibt, kommt seine materialistische sowie gesellschaftskritische Haltung stets zum Tragen. Der Geist der „Encyclopédie“ beeinflusst das „philosophische Jahrhundert“ über Frankreich hinaus.


Nicht weniger berühmt wird Diderot durch seine dramatische und belletristische Arbeit. Mit seinen Romanen und ästhetischen Schriften über die Dichtkunst, die Malerei und Schauspielerei verhilft er der bürgerlichen Kunst zum Durchbruch. Goethe, Hegel und Marx sehen in seinem theoretischen und literarischen Schaffen einen ihrer direkten Bezugspunkte.

Viele Kontakte prägen das Leben Diderots. So hat er Werke von Rousseau, Holbach, Helvetius und Raynal direkt beeinflusst. Mit den Physiokraten, den ersten Systematikern der bürgerlichen Ökonomie in Frankreich, verbindet ihn ein reger Austausch, ebenso mit Künstlern, Naturwissenschaftlern, Handwerkern und Arbeitern.  Distanziert ist sein Verhältnis zur Obrigkeit, obwohl er auch von dort vielfach Hilfe erhält, um die Herausgabe der „Encyclopédie“ fortsetzen zu können, z.B. durch den obersten Zensor des Königs, des Malesherbes, oder durch Madame de Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV.

Wichtige materielle Unterstützung erhält er durch Katharina II., die er dann auch 1773/74 in Russland besucht. Trotz mehrfacher Einladung Friedrichs II., der sich ja bekanntlich als Freund der Aufklärer versteht, fährt Diderot nie nach Potsdam oder Berlin, immer an Preußen leicht vorbei – über Leipzig und Prenzlau. Seine Kritik an dem Kriegsherrn in Potsdam akzeptiert nicht das Bild eines aufgeklärten Monarchen.

In den letzten Lebensjahren schreibt Diderot nur noch für einen kleineren Kreis von Vertrauten. Vieles erscheint erst posthum. Am 31. Juli 1784 stirbt Diderot in Paris, ohne sich von den Bekehrungsbemühungen der Kirche beeinflussen zu lassen. 1765 schreibt er: „Wir werden den Lohn, den wir von unseren Zeitgenossen und Nachkommen erwarten durften, empfangen haben, wenn sie sich eines Tages veranlasst sehen, zu sagen, dass wir nicht ganz umsonst gelebt haben.“

Dr. Volker Mueller, Falkensee



Quelle: „Der Humanist“. In: WOD 1/1994. Mannheim. S. 17-18







 
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