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Werteerziehung für alle

Bemerkungen zur kulturellen Bildung in Ethik, Religion und Weltanschauung


Werteerziehung und Wertewandel werden heute breit und kontrovers diskutiert. Angesichts der vielfältigen Veränderungen ethischer Lebensanschauungen in der Welt steht auch in der Bundesrepublik Deutschland die Frage nach angemessener und kompetenter Wertevermittlung insbesondere in der Jugend. Hierbei stehen Schule als staatliche Institution ebenso auf dem Prüfstand wie Elternhaus und die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Schule habe Raum für ethisches Miteinander und lebens- und religionskundliches Lernen zu geben.

Die gesellschaftliche Situation in Deutschland, ja im sich vereinigenden Europa lässt Prozesse der weiteren Säkularisierung und einer multiweltanschaulichen und multikulturellen Gegenwart erkennen, sie ist davon wesentlich geprägt. Ein freier Humanismus und nichtreligiöse Lebensweisen und Lebenseinstellungen treten mehr und mehr neben die Religionen. Sie werden nicht mehr wie in vergangenen Jahrhunderten kriminalisiert oder diffamiert. Im Alltag werden sie de facto mit religiösen Weltsichten gleichbehandelt. Der Rückgang der Religionszugehörigkeit der Menschen führt jedoch nicht zu einer Abnahme des Christentums bei uns im öffentlichen Leben. Daher ist das Ringen um die kulturpolitische, ökonomische und rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen kein alter Zopf. Ausgangs- und Endpunkte bleiben ein religiös-weltanschaulich tolerantes Gemeinwesen und der weltanschaulich neutrale Staat.

Die Grundfrage, ob Säkularisierung oder Religiosität unsere weltanschauliche Lebenssituation mehr bestimmen, erfordert eine komplexe Betrachtungsweise und umfassende Antworten. Die weltanschaulich-religiöse Situation in Deutschland und in der Europäischen Union hat sich grundlegend verändert. Sie ist geprägt von verstärkten Säkularisierungsprozessen, einer Abkehr von Kirche, neuen Einflüssen durch nichtchristliche Religionen (Islam, Buddhismus u.a.), auch durch die Hinwendung zu fundamentalistischen, esoterischen und neureligiösen Gruppen sowie von Wertekrisen und Wertewandel. Welchen Platz finden hierbei freireligiöse und freigeistige Überzeugungen, ethisch-humanistische Sichtweisen und freie Lebensorientierungen?

Wie das Unterrichtsfach “Werte und Normen“ versucht das Unterrichtsfach "Lebensgestaltung / Ethik / Religionskunde" (LER), das im Land Brandenburg nach erfolgreicher Erprobung in einem mehrjährigen Schulversuch seit 1996 ordentliches Schulfach ist, neue Wege zur Werteorientierung zu gehen. Damit sind viele Probleme verbunden. Trotz allem gelingt es, die Schülerinnen und Schüler unabhängig von konfessionellen Bindungen und Konfessionslosigkeit "gemeinsam leben lernen" zu lassen und zu Toleranz und weltanschaulich-ethischen Auseinandersetzungen zu befähigen.

Die Frage der Rechtmäßigkeit, dass das Land Brandenburg das Schulfach LER einführt und den Religionsunterricht nach Art. 7 GG unter Anwendung der sogenannten Bremer Klausel (Art.141 GG) als ordentliches Unterrichtsfach an staatlichen Schulen nicht etabliert, wurde vom Bundesverfassungsgericht eindeutig positiv beantwortet. Keine Kirche bzw. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft sollte in der staatlichen Schule privilegiert werden dürfen. Das Modell konfessioneller Religionsunterricht und sogenannte Ersatzfächer erscheint dabei ebenso unzeitgemäß wie staatliche Vorgaben. Freiwillige Unterrichtsangebote von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften können allerdings Pluralität in der modernen Gesellschaft fördern. LER im Land Brandenburg ist ein neuer Weg, innerhalb der Schule die konfessionelle Spaltung aufzuheben, die Bevorzugung einer Religion oder Weltanschauung zurückzudrängen und die junge Generation werteerziehend zum Miteinander zu befähigen.

Dies würde den sich in Deutschland vollziehenden Entwicklungen zu einer multikulturellen Gesellschaft und der existierenden Vielfalt an Kulturen, Religionen und Weltanschauungen und daraus resultierenden Erfordernissen zur Entwicklung von individueller Autonomie, sozialer und ethischer Kompetenz gerecht werden. Die zunehmende Säkularisierung der Gesellschaft und der damit verbundene Trend vieler Bürger zu konfessionell unabhängigen Weltsichten erhärten diese Forderung. Im Vordergrund steht die Schaffung und Sicherung der Grundlagen für ein tolerantes Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen in Gegenwart und Zukunft. Kein konfessioneller Religionsunterricht und kein Wahlpflichtbereich Religionsunterricht/Ethik/Philosophie kann diesen gesellschaftlichen Bedürfnissen umfassend gerecht werden.

Verstärkt finden Menschen - meist auch jüngere - ihren Halt in extremistischen Gruppierungen oder in okkulten und Psychogruppen. Es erscheint mir ein immer aktueller werdendes Thema zu sein, wie man diesen Entwicklungen entgegentreten kann und welche humanistischen und demokratischen Alternativen wirkungsvollere Sinnangebote erzeugen und verbreiten. Es sollte dringend ein kulturpolitischer Grundsatz werden - gerade auch in der Schule -, demokratische Grundwerte zu leben und zu vermitteln, Extremismus, Terrorismus und Fremdenfeindlichkeit zu entlarven und deren inhumanen Gehalt deutlich darzustellen. Natürlich ist mir bewusst, dass gesellschaftliche Bedingungen wie Massenarbeitslosigkeit, Existenzängste, Ausbildungsplatzmisere und Orientierungssuche dadurch nicht grundlegend geändert werden. Es müssen Strukturen gegen soziale Ungleichheit verändert werden. Doch die Bindung der Politik und Ökonomie auch an die Moral kann ein determinierender Faktor sein.

Fast alle sind sich darüber einig, dass Schule ein Ort sein soll, in dem sich die Schülerinnen und Schüler mit den grundlegenden Fragen des Lebens, seinen natürlichen und sozialen Bedingungen, mit Sinnfragen, mit Kultur, Geschichte, Sprache und Wissenschaft befassen können. In besonderer Weise ist es wichtig, soziale und ethische Kompetenzen, Konflikt- und Konsensfindungsfähigkeiten sowie das Bewusstsein von Eigenverantwortung für das eigene Denken und Handeln auszuprägen. Schule hat mit seinen pädagogischen und didaktischen Mitteln die Jugend auf das wirkliche und komplexe Leben vorzubereiten. Die Rolle von Religionen und Weltanschauungen, ihrer Geschichte und ihrer Ethiken, zur Daseinsorientierung und Selbstfindung nimmt hier einen wichtigen Platz ein, der allerdings institutionell unterschiedlich bestimmt wird. Die christlichen Großkirchen (und auch andere Religionsgemeinschaften) sehen sich berufen, diese Aspekte menschlichen Lebens und Zusammenlebens von ihrem weltanschaulichen Standpunkten und allgemeinverbindlich im Rahmen des konfessionellen Religionsunterrichts zum Gegenstand schulischer Erziehung zu machen. In den meisten Bundesländern wurde katholischer und evangelischer Religionsunterricht ordentliches Pflichtfach, für nichtchristliche Schüler wurden Ersatz- oder Alternativfächer eingeführt.

Die Erörterung von historischen und aktuellen Antworten auf Existenz- und Sinnfragen des Lebens und Überlebens, die Auseinandersetzung mit ethischen Problemen, Philosophien, Theologien und subjektiven Sinnfragen ist nach meiner Auffassung ein wesentliches Feld der Allgemeinbildung und damit eine wichtige Aufgabe der Schule. Daher ist der Zugang zu diesem Wissen für alle Schüler zu sichern. Die staatliche Schule soll mit einem überkonfessionellen Unterrichtsangebot die Schüler darin unterstützen, ihr Leben selbstbestimmt und verantwortlich zu gestalten, und ihnen helfen, sich in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft mit ihren vielfältigen Wertvorstellungen und Sinnangeboten zunehmend eigenständig und urteilsfähig zu orientieren. Dabei sind Grundlagen für eine wertorientierende Lebensgestaltung, von Wissen über philosophische Traditionen und Grundsätze ethischer Urteilsbildung sowie über Religionen und Weltanschauungen zu vermitteln.

Freigeistig-humanistische Verbände unterstützen seit Anfang an das dialogisch angelegte und integrativ konzipierte Unterrichtsfach "Lebensgestaltung / Ethik / Religionskunde" (LER) in den staatlichen Schulen Brandenburgs. Gerade die Werteerziehung, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen und Ethiken, das Erfahren von Welt- und Lebensanschauungen und Religionen entspricht den Notwendigkeiten der Gegenwart. Hierbei sind alle Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihren konfessionellen Bindungen oder ihrer Konfessionslosigkeit stärker zusammen zuführen. Dies ermöglicht es, gemeinsam leben zu lernen.

Bedauerlicherweise erfüllt die reale Entwicklung in Brandenburg nicht alle Möglichkeiten, die LER bietet: Im Rahmenlehrplan sind kaum nichtchristliche Religionen enthalten, freidenkerische und freie humanistische Weltanschauungen gar nicht. Das Auftreten von authentischen Vertretern von freien Weltanschauungsgemeinschaften in LER erfolgt de facto nicht. Die LER-Abwahlklausel setzt das Fach mit Religionsunterricht indirekt gleich bzw. sieht LER eigentlich nur als Alternativfach. Die Beschränkung von LER auf die 7. bis 10. Klassen in nicht einmal allen Schulen erfüllt nicht ausreichend das wertepädagogische Anliegen für die heranwachsende Generation.

Unterschiede zwischen LER und Religionsunterricht liegen darüber hinaus in der für LER vorgeschriebenen weltanschaulichen Neutralität einerseits und der konfessionellen Gebundenheit des Religionsunterrichts andererseits. Schüler, Lehrer und Inhalte im Religionsunterricht sind bekenntnisgebunden und getrennt. Nach einer früheren Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Charakter des Religionsunterrichtes wird der Kern des konfessionellen Religionsunterrichtes durch die Glaubenssätze der jeweiligen Konfession bestimmt, die "als bestehende Wahrheiten" zu vermitteln sind.

Religionsunterricht wird in Brandenburg in Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften nach den von ihnen selbst bestimmten Grundsätzen - als freiwilliges Unterrichtsangebot - schon ermöglicht. Einen wichtigen Unterschied gibt es auch hinsichtlich der Wertbindungen des Unterrichts. Für den LER-Unterricht gelten wie für andere staatliche Schulfächer im Land Brandenburg die Wertsetzungen des Grundgesetzes, der Landesverfassung und des Schulgesetzes. Weiterhin erwähnen die "Unterrichtsvorgaben LER" die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Besondere Wertsetzungen einzelner Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen dürfen den LER-Unterricht nicht prägen. Dies gilt im Unterschied zum Religionsunterricht, der sich verbindlich auf die der jeweiligen Religionen bzw. Konfession eigenen Werte bezieht.

Die Werteerziehung in Schule sollte sich frei von konfessioneller Bindung für Schüler und Lehrer gestalten. LER kann hier als Modell angesehen werden.

Nach Bestätigung von LER als Pflichtfach in Brandenburg durch das Bundesverfassungsgericht erwarten wir nunmehr die zügige Einführung von LER auch in den Klassen 5 und 6 sowie in der gymnasialen Oberstufe. Dringlich ist die Aufstockung von Mitteln für die Lehrerweiterbildung im Landeshaushalt, damit in spätestens 3 bis 4 Jahren ein flächendeckender LER-Unterricht in Brandenburg erreicht ist. Hinsichtlich der Finanzierung und aller weiteren vom Bundesverfassungsgericht vorgeschlagenen Regelungen für konfessionellen Religionsunterricht in Brandenburg werden die Landespolitiker zu bedenken haben, dass die für den evangelischen und katholischen Religionsunterricht ermöglichten Bedingungen wegen des Gleichbehandlungsgebots des Grundgesetzes (Art. 3, 4, 140 GG etc.) automatisch auch für alle anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Geltung treten.

Wir benötigen ein schulisches Pflichtfach mit dialogischem Charakter wie LER in Brandenburg, das die Schülerinnen und Schüler nicht nach ihrer konfessionellen Zugehörigkeit und Konfessionsfreiheit trennt, sondern gemeinsam leben lernen lässt. Der Religions- und Ethikunterricht in den anderen Bundesländern trennt die Schüler voneinander. LER wird weltanschaulich neutral durchgeführt; keine einzelne Religion oder Weltanschauung determiniert die Wertbindung oder bestimmt die alleinige Wahrheit. LER ist auch kein neuartiger Ersatzunterricht "Ethik", denn in LER werden werteorientierende Fragen der Lebensgestaltung von Menschen in den Mittelpunkt gestellt, in die die ethische Urteilsfähigkeit und Religionskunde integriert sind.

Bei allem Streit, der um LER läuft, erscheint mir ein Paradigmenwechsel in bezug auf die Stellung des konfessionellen Religionsunterrichts in Deutschland und die Notwendigkeit eines neuen integrativen Unterrichts wie z. B. LER angezeigt und geboten. Der historische Verdienst von LER liegt vor allem in dem Versuch, einen neuen Weg beschritten zu haben, auch wenn manch Wunsch offen bleibt.

Literaturquellen:
- Wolfgang Edelstein u. a.: Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde. Zur Grundlegung eines neuen Schulfaches. Weinheim und Basel 2001.
- Wolfgang Edelstein / Fritz Oser / Peter Schuster (Herg.): Moralische Erziehung in der Schule. Weinheim und Basel 2001.
- Dieter Fauth: Religion als Bildungsgut - Sichtweisen weltanschaulicher und religiöser Minderheiten. Würzburg 1999.
- Jörg Albertz (Hrsg.): Werte und Normen – Wandel, Verfall und neue Perspektiven ethischer Lebensgestaltungen. Band 21 der Schriftenreihe der Freien Akademie. Berlin 2002.
- Volker Mueller (Hrsg.): Werteerziehung in der Schule - LER und Alternativen zum Religionsunterricht. Berlin Hannover 2002
- Fritz Bode / Volker Mueller (Hrsg.): Religionsunterricht und / oder LER an den Schulen? Pinneberg 1997
- SPD - Landtagsfraktion Brandenburg (Hrsg.): 22 Fragen und Antworten zu LER. Potsdam 1996
- Volker Mueller: Spuren im Wertewandel. Neustadt 2002.


Autor: Dr. Volker Mueller, 14612 Falkensee, Rudolf-Breitscheid-Straße 15

 
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