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„Nutzen für die Menschheit ..." -
die Herausgabe der "Encyclopédie" Denis Diderots


Das große Gemeinschaftswerk der französischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die "Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, par une société de gens de lettres", wird von Denis Diderot und Jean le Rond d'Alembert herausgegeben. Es erscheint in 28 Bänden von 1751 bis 1772. Dieses Werk gibt uns auch für neuere Diskussionen über die Vermittlung von Wissenschaft und Praxis, vor allem von Philosophie und Lebenspraxis wichtige Richtpunkte und zeigt uns anschaulich die Einheit von theoretischem und wissenschaftsorganisatorischem Wirken.
1747 erhalten Diderot und d'Alembert den Auftrag, ein enzyklopädisches Werk herauszugeben. Sie erarbeiten den Plan, ein aufklärendes Werk aller Wissenschaften und Künste entstehen zu lassen, das 1750 durch Diderots "Prospekt der Enzyklopädie" angekündigt wird. Wenige Monate später erscheint d'Alemberts "Einleitende Abhandlung der Herausgeber". Gleichzeitig treten Gegner der Aufklärung auch gegen das Enzyklopädieprojekt und seine Herausgeber auf. Aufgrund von Vorwürfen der Unmoral und des Atheismus wird Diderot vom 12.7. bis 3.11.1749 ins Gefängnis geworfen, was aber das Interesse der gebildeten und aufgeklärten Öffentlichkeit an dem in Entstehen begriffenen Werk noch verstärkt.

Die Konzeption der "Encyclopédie" und ihre Realisierung verdanken wir vor allem Diderot. Wissenschaften, freie Künste und die mechanischen Künste werden umfassend dargelegt und in Zusammenhang gebracht. Ganz im Sinne der Aufklärung formuliert Diderot im "Prospekt der Enzyklopädie" eine zweifache Aufgabenstellung für das geplante Werk: Zum einen soll es eine Übersicht über die auf verschiedenen Gebieten erzielten und in einzelnen Werken verstreuten Erkenntnisse geben und damit eine Art Sachwörterbuch werden, "das man bei allen Fragen zu Rate ziehen könnte" /1/. Zum anderen kommt es ihm darauf an, die Beziehungen und Zusammenhänge  zwischen allen Wissenschaften und Künsten aufzuzeigen, die die Natur bilden und Gegenstand menschlichen Forschens sind, und somit ihre enzyklopädische Zusammenfassung zu leisten.

Neben der Verbreitung von Wissen ist für Diderot die Entwicklung eines tieferen und umfassenderen Verständnisses für die Zusammenhänge der Erscheinungen in Natur und Gesellschaft vorrangig wichtig. Damit wird auch die Verbindung von Wissenschaft, insbesondere von wissenschaftlicher Naturanschauung, und materialistischer Philosophie zur konzeptionellen Grundlage für Diderots Wirken an der "Encyclopédie". Insgesamt reflektiert Diderot die gewaltige Entwicklung der Natur- und technischen Wissenschaften in der Epoche der Emanzipation des französischen Bürgertums und revolutionierender Produktivitätsentwicklung. Er erkennt dabei, dass eine neue Naturanschauung, die von der Ganzheitlichkeit der Natur ausgeht und die realen Zusammenhänge der Naturerscheinungen als geschichtlichen Prozess fasst, heranreift. Die zur Überwindung des mechanischen  Denkens strebende philosophische Naturanschauung findet ihren Niederschlag in der Realisierung der "Encyclopédie" und in ihrem System der Kenntnisse des Menschen.

Diderot betont zu Beginn der Entstehung der "Encyclopédie", dass sie die Menschen aufklären soll und darauf abzielt, einen Beitrag für den Fortschritt der Wissenschaften sowie der Menschheit zu leisten. Gesellschaftlicher Fortschritt verbindet sich nach Diderot mit dem Fortschritt der Vernunft bzw. dem wissenschaftlichen Fortschritt. /2/
In diesem Zusammenhang wird bei Diderot die Verbindung der Anforderungen der industriellen Entwicklung seiner Zeit mit den Wissenschaften hergestellt. Deshalb schätzt er die gesellschaftliche Bedeutung der mechanischen Künste, die in der "Encyclopédie" einen breiten Raum einnehmen, sehr hoch ein. Wissenschaft und Technik werden zu wesentlichen Momenten des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Einheit von Theorie und Praxis oder, wie Diderot an anderer Stelle sagt, von Denkenden und Schaffenden /3/  ist aufgrund qualitativer Veränderungen in Wissenschaft und Gesellschaft ein objektives Erfordernis - eine Erkenntnis, die von zeitübergreifender Relevanz ist.

Es ist Diderot von Anfang an klar, dass ein Werk geplant ist, "das nur von einer Gesellschaft von Gelehrten und Künstlern geschaffen werden kann, die getrennt arbeiten, jeder auf seinem Gebiet, und nur durch das allgemeine Interesse der Menschheit und durch ein Gefühl des gegenseitigen Wohlwollens zusammengehalten werden"/4/. Bei der Bildung dieses  Teams der Enzyklopädisten stellt Diderot die Aufgabe, dass die einzelnen wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen von entsprechenden Spezialisten bearbeitet werden sollen und somit die Enzyklopädieartikel von jenen geschrieben werden, die die meiste Fachkenntnis auf dem speziellen Gebiet haben. Die Gewinnung geeigneter Mitarbeiter für die Herausgabe des Werkes wird zu einer der wichtigsten Aufgaben seines wissenschaftsorganisatorischen und interdisziplinären Wirkens.

Diderot untersucht insbesondere, wonach ein Zusammenhalt dieser Gemeinschaft, der "société  de gens le lettres", möglich ist. Das "allgemeine Interesse der Menschheit" wird zu dem Motiv, das er bei den miteinander kooperierenden Mitarbeitern voraussetzt. Die Gemeinschaftlichkeit realisiert sich nach Diderots Auffassung durch Uneigennützigkeit, fachliche Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Dauerhaftigkeit. Die Bemühungen einzelner sind durch die Mehrheit der anderen Wissenschaftler und Künstler hilfreich zu unterstützen. Dies sind die hauptsächlichen Gesichtspunkte, die Diderots Herangehensweise bei der Gewinnung von geeigneten und politisch fortschrittlichen Schriftstellern bestimmen.

Diderot verweist öfter auf die Schwierigkeiten /5/, die bei der Realisierung des Gemeinschaftswerkes und der Werbung von Mitarbeitern entstehen. Er kann jedoch 1755 feststellen: "Der Gedanke an die Vollendung des Werkes und an den Nutzen für die Menschheit hat jenes Gemeinschaftsgefühl hervorgerufen, von dem wir alle beseelt sind".  /6/ Wetteifer, Rücksichtnahme und Eintracht sowie wissenschaftliche und politische Akzeptanz, Wahrheitsliebe und die Unterordnung der privaten Interessen unter die des Werkes sind die Basis des entstehenden Gemeinschaftswerkes. Der philosophische Geist, der das 18. Jahrhundert durchdringt und bestimmt, wird von der Liebe zur Gesellschaft geprägt /7/. Gleichzeitig sind dies Voraussetzungen für einen sachlichen, am gemeinsamen Ziel orientierten wissenschaftlichen Meinungsstreit interdisziplinären Charakters.

Die Regierung des Ancién regime soll nach Diderots Meinung ihren ganzen Einfluss  darauf beschränken, die Ausarbeitung dieses Werkes zu fördern.  Die "Encyclopédie" müsse unabhängig und ohne Einmischung jeglicher Autorität des Feudalstaates und vom König entstehen und verwirklicht werden.  Diderot sagt klar und deutlich: "Eine "Enzyklopädie läßt sich nicht befehlen."  /8/

Die Mitarbeiter der "Encyclopédie" lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Zum einen in diejenigen, die selbst Artikel schreiben, zum anderen in die, die vorwiegend Informationen und schriftliche Materialien über spezielle Sachgebiete, vor allem zu technischen Fragen, geben. Insgesamt zählt die "Encyclopédie" etwa 160 Mitarbeiter /9/. Bei der ersten Gruppe der Mitarbeiter, den direkten Artikelautoren, finden wir 40 Wissenschaftler, 26 Philosophen oder Schriftsteller (im engeren Sinne) und 14 sogenannte Künstler /10/. Zu ihnen gehören die führenden französischen Aufklärer - wie zum Beispiel Voltaire, Rousseau, Holbach, Condorcet, Montesquieu, Diderot selbst. Zu den vielfach unbekannten Informanten, der zweiten Mitarbeitergruppe, gehören vor allem Handwerker, Manufakturarbeiter und Gewerbetreibende. Sie liefern Materialien und geben Erklärungen und Erläuterungen sowie Zeichnungen. Die Herausgeber Diderot und d'Alembert lassen sich in ihrer intensiven Zusammenarbeit mit den Handwerkern - Diderot selbst geht in Werkstätten und Fabriken - davon leiten, dass die mechanischen Künste aufgewertet sowie fachkundig und systematisch dargestellt werden müssen. D'Alembert schreibt in der "Einleitenden Abhandlung der Herausgeber" im 1. Band der "Encyclopédie" (1751): "Wenn die Gesellschaft mit Recht die großen Genies verehrt, welche zu ihrer Aufklärung beitragen, so darf sie doch keinesfalls die Hände geringschätzen, die ihr dienen. ...Doch sind es vielleicht gerade die Handwerker, bei denen man die bewunderungswürdigsten Beweise für den Scharfsinn des Geistes, für seine Beharrlichkeit und seine Hilfsmittel zu suchen hat." /11/
Die Verbindung von Theorie und Praxis verlangt hier auf spezielle Weise eine qualitativ neue Stufe.

Zusammenfassend sind folgende Gesichtspunkte für Diderot bei der Gewinnung von Mitarbeitern für die Herausgabe der "Encyclopédie" maßgeblich:

1. Eine klare, an den Interessen und dem Fortschritt der Gesellschaft orientierte wissenschaftsphilosophische Konzeption sowie uneigennützige Arbeit sind unabdingbare Voraussetzungen für die wissenschaftlich Tätigen. Das gemeinsame Interesse der Gemeinschaft am Werk muss obenan stehen. Die Leiter müssen mit ihrer ganzen Persönlichkeit hinter dem wissenschaftlichen Projekt stehen.

2. Das wissenschaftliche Team der Enzyklopädisten schafft sich durch die wissenschaftliche Tätigkeit, die von gleichen Grundmotiven aller sowie von einer Vermittlung von Theorie und Praxis - personell und konzeptionell - geprägt ist. Mit diesem Zusammenhalt, dieser Gemeinschaftlichkeit entstehen spezifische gesellschaftliche Verhältnisse. Für jeden Enzyklopädisten ist es notwendig, seine disziplinären Fähigkeiten in das Werkprojekt einzubringen und sein interdisziplinäres Vermögen zu realisieren.

3. Wenn ein Wissenschaftlerkollektiv durch seine Tätigkeit Bewegung in Wissenschaft und Gesellschaft erzeugt, kann auch eine Schulbildung erfolgen. Bei den Enzyklopädisten können wir feststellen, dass sie mit ihren philosophischen Auffassungen und ihrem Wirken die Französische Revolution theoretisch und geistig mit vorbereiteten.

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die Worte von Marmontel, die m. E. für die Stellung der Enzyklopädisten im 18. Jahrhundert charakteristisch sind: "In den Jahren, die ich in Versailles verlebte, entfaltete der Geist der Philosophie die größte Aktivität. D'Alembert und Diderot hatten das Banner in der ungeheuren Werkstatt der "Encyclopédie" aufgepflanzt und alle Schriftsteller um sich versammelt." /12/



Literaturangaben:

/1/ Denis Diderot: Prospekt der Enzyklopädie. In: Ders.: Philosophische Schriften. Bd.1. Hrsg. v. Theodor Lücke. Berlin 1961. S. 113.
Vgl. a. Volker Mueller: Aufklärung - Wissenschaft - Fortschritt. Diderots Konzeption der "Encyclopédie". In: Philosophische Beiträge der Humboldt - Universität Berlin. Heft 8. Berlin 1988; John Lough: Essays on the Encyclopédie of Diderot and d'Alembert. London, New York, Toronto 1968; Fritz Schalk: Zur Vorgeschichte der Diderotschen Enzyklopädie. In: Romanische Forschungen, 70. Bd., 1./2. Heft. Frankfurt / Main 1977; Volker Mueller: Entwicklungsdenken im 18. Jahrhundert und in der Zeit Darwins. In: Lebt Darwins Erbe? Hrsg. v. Jost Cimutta und Franz Wuketits. Neustadt a. Rbge. 1995; Martin Fontius: Stellen wir die richtigen Fragen zur Enzyklopädiegeschichte? In: Das achtzehnte Jahrhundert. Wolfenbüttel 1998.

/2/ Vgl. Denis Diderot: Artikel Enzyklopädie. In: Ebd. S. 149, S. 159. Vgl. a. Volker Mueller: Fortschritt im Wandel. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Bd. 18. Hrsg. v. Jörg Albertz. Berlin 1998, insb. S. 25-30.

/3/Vgl. Denis Diderot: Gedanken zur Interpretation der Natur. In: Ebd. S. 119. Vgl. a. Charles Gillispie: Die Naturgeschichte der Industrie. Wissenschaft, Technik und Wirtschaftswachstum im 18.  Jahrhundert. Frankfurt / Main 1977; Robert Darnton: Business of Enlightenment. Cambrigde, London 1979.

/4/ Denis Diderot: Artikel Enzyklopädie. Aa.O. S. 154f.

/5/ Vgl. u.a. Denis Diderot: Gedanken zur Interpretation der Natur. A.a.O. S. 462 f.; Denis Diderot: Ankündigung der letzten Bände der Enzyklopädie. In: Ebd. S. 145.

/6/ Denis Diderot: Artikel Enzyklopädie. A.a.O. S. 212.

/7/ Vgl. auch: Denis Diderot: Artikel Philosoph. In: Artikel aus Diderots Enzyklopädie. Hrsg. v. Manfred Naumann, Leipzig 1984. S. 663.

/8/ Denis Diderot: Artikel Enzyklopädie A.a.O. S 156.

/9/ Vgl.: Jaques Proust: Diderot et l'Encyclopédie. Paris 1962. S. 515 ff.

/10/ Vgl. Jürgen Kuczynski: Diderot als Herausgeber der Enzyklopädie. In: Ders.: Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften. Bd. 2. Berlin 1975. S. 65.

/11/ Jean le Rond d'Alembert: Einleitende Abhandlung zur Enzyklopädie. Hrsg. v. Georg Klaus, Berlin 1958. S. 51 f. Vgl. a.  Volker Mueller:  Diderots Konzept der mechanischen Künste in der "Encyclopédie". In: Studies on Voltaire. Bd. 346-348. Oxford 1996; Roland Mortier: Diderot in Deutschland 1750 - 1850. Stuttgart 1967.

/12/ Jean-Francois Marmontel: Erinnerungen an Philosophen und Aktrizen. Leipzig 1979.   S. 277.


Quelle:
Volker Mueller: Spuren im Wertewandel.Neustadt a.Rbge. 2002. S. 170 - 175



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