Neues Denken - Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.

Dachverband Freier
Weltanschauungsgemeinschaften
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Neues Denken

Berichte+Statements > 2013 > 200 Jahre Ronge

Neues Denken –
oder
Eine zweite Aufklärung für Geistesfreiheit und Menschenrechte


"Menschlichkeit - Humanité (Moral): Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle  Menschen, das nur in e0000iner großen empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und  erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis,  sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben,  das Laster und das Unglück abzuschaffen.
Sie verbirgt uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert uns, diese Schwächen  zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Schurken  die Waffe, die dem guten Menschen zum Verhängnis werden könnte. Sie verleitet uns  nicht, uns der besonderen Pflichten zu entledigen, sondern macht uns – im Gegenteil - zu  besseren Freunden, besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die  Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe  diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in den Köpfen bemerkt, aber  nur in wenigen Herzen."  DIDEROT   /1/



1. Neues Denken

Debatten um Werte und Normen des menschlichen Zusammenlebens werden wieder modern. Menschen fragen angesichts vielfältiger Krisenerscheinungen in der Welt nach der geistigen oder kulturellen Basis eines Miteinanders, in der Individualität respektiert, ja favorisiert wird. Wir  leben in einer Zeit des Wertewandels, die viele auch als Werteverfall empfinden. Wo ist der Halt, eine sichere Lebensorientierung, eine Rückbindung an grundlegende Geborgenheit? Geben hierbei eine nichtreligiöse Weltanschauung bzw. eine freigeistig-humanistische Lebensanschauung und Lebensweise hinreichende Antworten? Es wird deutlich, dass religiöse und weltanschauliche Bedürfnisse der Menschen  natürliche Grundlagen für ethisches Dasein darstellen, entstehen  lassen und aktiv verändern.

Wie gehen wir mit Religion um? Was sind ihre Inhalte, Methoden und ethischen Grundaussagen? Wie verhalten wir uns zu einem religiös gebundenen Menschen und den die Religionen tragenden Institutionen? Welche Stellung hat unsere berechtigte Forderung nach der Trennung von Kirche und Staat? Der Religionsbegriff von Helmuth von Glasenapp führt uns hier weiter: "Religion ist die im Erkennen, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln betätigte Überzeugung von der Wirksamkeit persönlicher oder unpersönlicher transzendenter Mächte. ... Die ethischen Hochreligionen verbinden diese Überzeugung mit dem Glauben an eine sittliche Ordnung der Welt; dieser Glaube findet in der Vorstellung von einer sittlichen Verantwortung für das Handeln, von einer gerechten Vergeltung allen Tuns und von der Möglichkeit eines Fortschritts zur höchsten Vollkommenheit seinen Ausdruck". /2/

In unserer heutigen multikulturellen und sich säkularisierenden Gesellschaft wird eine neue Qualität von Toleranz, Konflikt- und Dialogfähigkeiten, von friedlichem Miteinander notwendig. Sie ist freiheitlich, menschenrechtlich und weltbürgerlich orientiert. Die atheistische, humanistische und gesamte freigeistige Bewegung hat hier, wenn sie die Forderung nach Geistesfreiheit, Humanität und Menschenrechten ernst meint, eine zentrale Aufgabe. Gerade die Menschenrechte, die universellen Charakter tragen und keine „Erfindung“ der westlichen Welt sind, stellen uns vor neue globale Herausforderungen. Die Freigeister werden diesen Herausforderungen gesellschaftspolitisch, philosophisch und ethisch noch zu wenig gerecht, da sie zu schwach, zersplittert und oft mit sich nur beschäftigt sind. Dabei entsteht auch die Frage, ob eigene zukunftsweisende nationale und internationale Bündnisse wirklich gewollt sind und sie das ökonomische, geistige, personelle und medienpolitische Potential dafür besitzen.

Eine frei- und nichtreligiös ausgerichtete freigeistige Organisation, die in der Regel eine freie Weltanschauungsgemeinschaft darstellt, entwickelt und verbreitet Beiträge zur ethischen Sinnfindung, gestaltet eine Feierkultur im Lebenskreis und im Jahreskreis, nimmt politisch Stellung für die Interessen der konfessionslosen Menschen, sichert mit die Menschenrechte und die Denkfreiheit überall. Sie soll vor Missbräuchen der Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit warnen, über ethische und sozialpsychologische Fehlentwicklungen aufklären (z.B. über sog. konfliktträchtige Sekten bzw. neureligiöse Bewegungen) und keine religiösen und ideologischen Vorschriften akzeptieren, was man zu denken und zu glauben habe.

Gleichzeitig geht es um die Verteidigung der Freiheiten weltanschaulicher sowie ethnischer Minderheiten.

Die Forderung nach einem Neuen Denken wird weltpolitisch seit der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelt und erhoben, und zwar mit Gorbatschows Perestroika und Glasnost. Im Kern beinhaltet sie eine Demokratisierung und Humanisierung des sozialistischen Systems, das letztlich real gescheitert ist, da es ökonomisch uneffektiv, am Ende politisch erstarrt und nicht mehr reformfähig war. Die Perestroika ist letztlich inkonsequent, vor allem bezüglich ökonomischer Reformen.

Doch der Ansatz des Neuen Denkens erscheint mir richtig, mittels neuem Herangehen - auch in geistig - kulturellen und philosophisch-weltanschaulichen Lebensbereichen - neue Entwicklungen zu initiieren, neue Hoffnungen zu erzeugen und Altes schonungslos zu kritisieren und zu beseitigen. Mit Neuem Denken entstand die Vision von einer humaneren Gesellschaft, in der soziale  Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit miteinander verbunden sind. In den achtziger Jahren war dies mit der Frage nach einer neuen gesellschaftlichen Konzeption für einen demokratischen Sozialismus, wie ihn wohl auch Bebel, Luxemburg, Marx und Kautsky im Blick hatten, verbunden. Wesentlich ist, dass eine Organisation oder Bewegung, auch die freigeistige, atheistische, freidenkerische, die Gefahr, konservativ zu werden oder zu stagnieren, nur mittels Selbstkritik und demokratischer Eigenentwicklung bannen kann.

Teile der freigeistigen Bewegung in Deutschland wurden von Neuem Denken scheinbar wenig berührt. Wie hat sie sich selbst infragegestellt und auch „Liebgewordenes“ und Veraltetes über Bord geworfen? Hat sie wirklich realisiert, dass sich die gesamtgesellschaftliche Situation gerade in der Bundesrepublik Deutschland, ja in Europa völlig verändert hat und damit neue Herausforderungen entstehen ließ? Die Globalisierung der letzten Jahre macht diese Problematik auf besondere Weise sehr deutlich, sind doch die globalen Probleme nur weltpolitisch lösbar - mit Neuem Denken.


2. Aufklärung

Aufklärung und freies undogmatisches Denken mit atheistischer Tendenz  gehören entsprechend des Selbstverständnisses der freigeistigen Bewegung in Deutschland grundsätzlich zusammen  und haben gleiche historische Wurzeln. "Aufklärung ist immer noch ein Schlagwort, an dem sich Geister scheiden. Die einen sehen in der Aufklärung ein wesentliches Instrument der Bekämpfung allfälliger Probleme, fast schon ein Allheilmittel, die anderen sehen in ihr einen naiven oder gar ruchlosen Rationalismus, dessen Arroganz für das wahre Wesen der Wirklichkeit blind macht, fast schon die Ursache aller Übel der Moderne. Unabdingbare Voraussetzungen für die Versachlichung dieser Debatte ist gründliche Kenntnis der Aufklärung, nämlich jener geschichtlichen Epoche, die sich selbst das Zeitalter der Aufklärung genannt hat." /3/

Das 18. Jahrhundert wird heute im allgemeinen als das "Zeitalter der Aufklärung", als das Jahrhundert des Lichts oder der Vernunft, als das philosophische Jahrhundert bezeichnet. Die Kennzeichnung geht auf das Selbstverständnis einer geistigen und gesellschaftlichen Reformbewegung zurück, die sich selber als Aufklärung beschrieben hat. /4/

Etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts spricht man aufgrund des Erfolges der Aufklärung von "aufgeklärten Zeiten". Kant hat dann deutlicher in seiner Schrift "Was ist Aufklärung?" von 1784 zwischen einem "Aufgeklärten Zeitalter" und einem "Zeitalter der Aufklärung" unterschieden. Schon im 17. Jahrhundert wird diese sich weitestgehend europaweit entwickelnde Aufklärungsbewegung  vorbereitet und begründet - durch die Emanzipation der Wissenschaft  von der Theologie und der Teleologie, durch die machtvollen Bestrebungen zur Erlangung der Denkfreiheit durch skeptische und rationale Denktypen. Darin eingebettet finden wir auch erste neue, von der Kirche befreite, dogmenfreie Religiosität, finden wir "Freethinker", finden wir den Anfang des Atheismus als eigenständiges Denkprofil (vor allem in der Untergrundliteratur und  bei Meslier). /5/
Letztlich wird die Aufklärung eine soziale Bewegung zur Emanzipation des 3. Standes (des "Volkes") vom 1. und 2. Stand und führt zur Herausbildung des Bürgertums mit seinen Menschen- und Freiheitsrechten als eigenständiger sozialer Klasse.

Die ökonomischen Erfordernisse und die politischen Strukturen erfordern auch eine kulturelle und philosophische Freiheit der fortschrittstragenden Kräfte. So soll die Aufklärung dem Volke dienen und vor allem die Vernunft auf allen Gebieten befördern. Verstand und Tugend sollen die Welt regieren, damit glückliche und freie Menschen in ihr leben können. Aufklärung erstrebt Wahrheit durch Klarheit des menschlichen Verstandes. Es geht um vernünftiges und freies Denken, das sich gegen verworrenes, dunkles, nebulöses, irrationales Denken, gegen Aberglauben und Vorurteile, vor allem gegen kirchliche Dogmen, gegen Fanatismus, Schwärmerei und Illusionen richtet. Neben dem rationalistischen Aspekt des Aufklärungsdenkens ist der emanzipatorische hervorzuheben, der zu freiem Denken des Denkens und zu Selbstdenken zwingend führt. Beides verbindet sich ausschließlich mit Wissenschaft und sozialer Veränderung. Es bildet sich ein neues Denken in der Epoche der europäischen Aufklärung heraus, das alte Schablonen über Bord wirft und Bisheriges hinterfragt und schonungslos kritisiert.

Aufklärung ist das Streben nach Beseitigung überkommener, nur auf Autorität angenommener Lehren und nach Neugestaltung des Lebens auf Grund vernünftiger Ansichten und Einsichten. Das bedeutet: Wirken wollen und Tätig sein durch Vernunft.

Philosophisch bekämpft die Aufklärung die Metaphysik. Sie fördert jede Art des Rationalismus und wissenschaftlich die Naturwissenschaft, auf deren Ergebnissen die Aufklärung umgekehrt vielfach fußt und sie ihre Wissenschaftsgläubigkeit und ihren Fortschrittsglauben gründet. Ethisch - pädagogisch entwickelt sie humanitäre Ideale und ein jugendgemäßes Erziehungswesen, sie fördert die Befreiung des Menschen aus ungerechtfertigten Bindungen, die Gleichheit aller Bürger desselben Staates vor dem Gesetz, schließlich die Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt, vor der Menschheit, deren Begriff besonders durch die Aufklärung herausgearbeitet wird.

Die europäische Aufklärung ist vor allem gekennzeichnet durch:
- rationale Klarheit über die Zusammenhänge der wirklichen Welt mittels der menschlichen  Vernunft
- kritische und skeptische Schärfe ohne Tabus und Vorurteile
- empirische Breite und konsequente Nutzung der Wissenschaft sittliches Handeln (Mensch von Natur ist gut und kann sich ständig vervollkommnen), das zu Fortschrittsoptimismus führt
Toleranz als universelles Denk- und Verhaltensprinzip
- Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und individuelle Freiheiten

In Bezug auf die Religion, die von den christlichen Kirchen vertreten wird, folgt daraus:
- Abwertung des Autoritätsglauben, des religiösen Dogmatismus und des Aberglaubens
- Entwicklung eines natürlichen Vernunftglaubens zwischen Pantheismus, Deismus und  Atheismus Herausbildung einer kosmopolitischen Sichtweise, die auch zu neuen gesellschaftspolitischen Konsequenzen führt
           - grundsätzliche Kritik an der Institution Kirche und eine philosophisch begründete Religionskritik

Nachdem Kant in seinem Aufsatz: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" (Berlinische Monatsschrift, 1784) das 18. Jahrhundert als "das Zeitalter der Aufklärung oder das Jahrhundert Friedrichs" bezeichnet hat, wird der Ausdruck für die geistige Bewegung gebraucht, die im 17. Jahrhundert in England beginnt, sich im 18. Jahrhundert in Frankreich, Italien, Deutschland und anderen Ländern jeweils in eigener Weise durchsetzt und in ihren Auswirkungen die ganze europäische Kultur ergreift. Kant charakterisiert sie als den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen  Verstandes zu bedienen ! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. ...Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; ... nämlich die, von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen." /6/


3. Humanismus

Der Begriff Humanismus ist in aller Munde. Im Alltag wird er ebenso gern und oft benutzt wie bei verschiedenen Politikern und denjenigen, die sich an keine Religion oder Weltanschauung binden. Viele freigeistige Vereinigungen in Deutschland führen den Humanismus in ihrem Namen oder beziehen sich in ihren programmatischen Aussagen und Anliegen auf den Humanismus, einen säkularen Humanismus. Es stellt sich, um sorgfältig inhaltlich zu agieren, die Frage: Was ist Humanismus? Ist der Begriff eine ethische oder religiös-weltanschauliche Kategorie? Wir sehen auch die wichtige praktische Seite: Die tätige Humanität als eine Lebenshaltung, als tatsächliches Verhältnis zwischen freidenkenden Menschen und zwischen allen Menschen erhält zunehmend zentrale Bedeutung,  ohne die die Geistesfreiheit nur ein akademischer Sachverhalt bliebe.

Ernstlich ist nicht zu bezweifeln, dass es auch einen religiös motivierten Humanismus gibt. Ohne Menschen mit einem christlichen Humanismus sind viele Leistungen etwa im sozialen oder kulturellen Bereich nicht denkbar. Dies gilt natürlich auch für die anderen Religionen auf unserer Erde.
Allerdings wäre die These von der christlich-abendländischen Kultur, in der wir alle verwurzelt seien, infrage zu stellen, da gerade die Antike und die europäische Aufklärung die Geschichte der Demokratie, der Wissenschaft, der Kultur und des Denkens sehr deutlich determinieren. Antike Wurzeln haben vorchristlichen Charakter und bestimmen die abendländische Kultur, betrachten wir nur die verschiedenen humanistischen Kernaussagen wie z. B.: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. (Protagoras) / Der Mensch ist dem Menschen heilig. / Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches achte ich mir als fremd. (Cicero, Seneca)
Die Renaissance insgesamt, insbesondere der Renaissancehumanismus seit dem 14. Jahrhundert mündet in die Aufklärung, diese letztlich in die Erklärung der Menschenrechte (1789) und die Unabhängigkeitserklärung der USA (1776).

Die antihumanistischen Tendenzen und die inhumanen Systeme, durch die vor allem das 20. Jahrhundert geprägt wird, gehören ebenfalls zur Gesamtbetrachtung. Kolonialismus, Hunger, Unterentwicklung von 4/5 der Menschheit, der 1. und 2. Weltkrieg, der Faschismus, der Stalinismus, sind einige Stichwörter, die unsere Zeit prägen.

Eine ausführliche Darstellung des Humanismus (und seiner Gegentrends) ist an dieser Stelle nicht leistbar. Es deutet sich jedoch an, dass gerade der säkulare Humanismus mit der Menschenwürde und den Menschenrechten eng verbunden ist. Der Kampf um Würde und Rechte der Menschen  ist ein herausragendes Anliegen freigeistiger Tätigkeit. /7/

Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen des Humanismus und der scheinbaren Erfolge nichthumanistischer Bestrebungen scheint ein Zusammenleben der Menschen, das auf humanistischen Grundwerten beruht, gelegentlich wenig erfolgversprechend und für reales Handeln keine wirksame ethische Handlungsorientierung. Hat da der säkulare Humanismus eine reale Chance? Was ist das überhaupt? Wenn wir grundsätzlich Wurzeln in der europäischen Antike und Aufklärung sehen, bleibt jedoch offen, was sich in anderen Erdteilen entwickelt hat?

Seit über 150 Jahren ist eine sich organisierende freigeistige humanistische Bewegung in Deutschland feststellbar. Höhepunkte dieser Bewegung sind am Ende des 19. Jahrhunderts und  in der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Trotz politischer Streitigkeiten und der permanenten Tendenz der Zersplitterung wird die freigeistige Bewegung - national und international - mehr und mehr zum Träger eines säkularen Humanismus. Erst die Zerstörung der freigeistig-humanistischen Organisationen zwischen 1933 und 1945 beendet vorerst diese Entwicklung, übrigens fast total. Nur wenige Aktive dieser Organisationen überleben und fangen neu an - wie Carl Peter, Hermann Graul, Albert Heuer, Gerhard von Frankenberg, Fritz Hermann und andere. /8/

Außereuropäische Bereiche beeinflussen seit dem Ende des 2. Weltkrieges gerade auch in Deutschland das freigeistige Denken und die freien Organisationen, die den säkularen Humanismus als eine programmatische Grundlage ansehen. Hierzu gehören die USA, Kanada  und Indien. Internationale Organisationen wie die IHEU, die IARF und die Weltunion der Freidenker fördern ein kosmopolitisches Herangehen an die Propagierung und Realisierung eines säkularen Humanismus. Oftmals bleiben wir bei seiner Erörterung allerdings immer noch eurozentristisch und übersehen die vielen atheistischen, freireligiösen und anderen säkularen Denkweisen. Paul Kurtz schreibt: "Die gegenwärtige Situation in der Geschichte der Menschheit bietet eine große Chance für das Wachstum der humanistischen Weltbewegung. Die Frage ist, ob Humanisten jene langfristige Weltsicht und Weisheit besitzen, um sich dieser Herausforderung zu stellen. Oft übersehen führende Humanisten die Notwendigkeit einer umfassenden Perspektive, weil sie zu sehr mit alltäglichen Problemen beschäftigt sind." /9/

Der Inhalt des Begriffs Humanismus ist aus dem lateinischen abgeleitet von humanitas, d. h. Menschlichkeit. Er geht vom menschlichen Bewusstsein aus und hat die Wertsetzung des Menschen zum Objekt. Dabei schließt er all dies aus, was ihn sich selbst entfremdet. Dies sind vor allem die Unterwerfung unter übernatürliche Mächte und Wahrheiten sowie die Nutzbarmachung menschlicher Ressourcen für menschenverachtende Zwecke.
Humanitas nennen die Römer (siehe u. a. Cicero) die ethisch-kulturelle Höchstentfaltung der menschlichen Kräfte in ästhetisch vollendeter Form, gepaart mit Milde und Menschlichkeit. Humanismus bezeichnet sich dann die Bewegung, die der Scholastik und der geistigen Vorherrschaft der katholischen Kirche entgegentritt. Sie beginnt in Italien mit Petrarca und gipfelt in Erasmus, Reuchlin, Hutten, Melanchthon. Die Humanitas-Bewegung richtet sich gegen theologisch-dogmatische Bindungen und fördert das Streben nach menschenwürdiger Daseinsgestaltung. In Folge vereinigen sich Humanität, gekennzeichnet durch Sittlichkeit und soziale Bewegung, und humanistische Bildung.

Als ein wesentlicher Impuls für das Verständnis von Humanismus ist das hochentwickelte aufklärerische Denken in Indien zu erfassen und zu würdigen. Hierzu stütze ich mich in gebotener Kürze auf Ausführungen "Relevance of humanism" von Dr. Vijayam, dem Exekutivdirektor des Atheist Centre in Südindien. /10/

Die freigeistigen Wurzeln der Aufklärung in Indien liegen im Agnostizismus Buddhas, in der Großzügigkeit Mahaviras und im Fragenden Geist Charvakas und Lokayatas. In Indien entwickelt sich schon frühzeitig die Notwendigkeit heraus, Toleranz und einen ständigen Dialog zwischen den unterschiedlichen Gesichtspunkten der religiös-weltanschaulichen Positionen (des Hinduismus/ Brahmanismus, Buddhismus, Islam) zu pflegen bzw. darum immer wieder neu zu ringen. Der Weg der Toleranz, der Genügsamkeit und des Mitleidens wird in Indien gegangen, als in Europa noch das Mittelalter mit seinen katholischen Autoritäten und den grausamen, religiös motivierten Verfolgerungen herrscht.

Die nationale Identität und der Humanismus haben einen liberalisierenden Einfluss auf die Fesseln der Religion. Gandhi sagt, dass er seine Religion nicht auf den Marktplatz bringe. Religiös und säkular orientierte Inder haben gemeinsam ihren Kampf gegen die kolonialen Unterdrückungen geführt. Die 1947 errungene Unabhängigkeit Indiens fördert die Säkularisierung der multikulturellen Gesellschaft. In der Verfassung, Art. 51-A (h) steht: "... to promote scientific temper, spirit of enquiry, reform and humanism" (Übers.: grundlegende Pflicht jedes Bürgers: Förderung des wissenschaftlichen Wesens, des Geistes der Untersuchung, Reform und Humanismus).

Bedeutende indische Denker des 20. Jahrhunderts, die den Zusammenhang von Aufklärung,  säkularem Humanismus und Rationalismus erkannt haben und zur Grundlage ihres Wirkens genommen haben, sind unter anderem:
M. N. Roy  (1887 - 1954): Radical Humanism
Periyar  (1879 - 1973): Rationalist
Gora  (1902 - 1975): Atheist Centre
A. B. Shah (1920 - 1981): Indian Secular Society
Deren Werke und Auffassungen kennen wir wenig, ja oftmals sind nicht einmal deren Namen bekannt. Dies ist ein freigeistiges Defizit. /11/

Eine besondere Stärke des säkularen Humanismus, der zugleich ein „positiver Atheismus“ ist, stellt die Hinwendung zu den praktischen Problemen der Menschen, zu einer realen Verbindung von weltanschaulich-ethischer Lebensorientierung und tatsächlicher tätiger Lebenshilfe dar. "Philosophy must lead to aid." (Vijayam) Der Zusammenhang von Demokratie, sozialer Gerechtigkeit, religiöser Toleranz, Gleichheit der Frau und der Anti-Kasten-Bewegung führt in Indien zu mehr Menschenwürde für alle. Wir übersehen natürlich nicht, dass es in dieser Hinsicht in Indien - wie in vielen anderen Ländern - weiterhin viel zu tun gibt.

In Indien verbindet sich säkularer Humanismus mit der Gestaltung gewaltfreier sozialer Beziehungen, einem ausgewogenen Verhältnis mit der Natur, Garantien für Essen für die Hungernden, der Gleichberechtigung, der Erziehung und wissenschaftlichen Aufklärung gegen Aberglauben. Weitere Aspekte sind der Kampf gegen das Kastensystem und gegen die Kommunalisierung sowie für den säkularen Staat und für soziale Reformen.


4. Qualität der Verantwortung

Worin bestehen aktuelle Aufgaben und grundlegende Voraussetzungen für eine neue Qualität der Aufklärung, die mit Neuem Denken, Geistesfreiheit und Menschenwürde organisch verbunden ist? Benötigen wir eine 2. Aufklärung, die allerdings nicht nur einfach die eigentliche Aufklärung fortsetzt? Die historisch entwickelte Aufklärung ist m.E. gar nicht beendet, sie läuft mit neuen Qualitäten in Wechselwirkung mit Menschenrechten und Neuem Denken fort. Was ist in der Bundesrepublik u. a. zu tun, damit wir unserer historischen Verantwortung für einen säkularen Humanismus als weltanschaulichem Kern dieser „neuen“ Aufklärung gerecht werden?

Die organisatorischen Strukturen der freigeistig-humanistischen Bewegung in Deutschland (und ihre Einbindung in internationaler Zusammenarbeit) sind zu reformieren. Bündnisse und Kooperation sind und bleiben der Weg, der zu Erfolg führen kann. Mehr Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik sind für die Mitarbeit zu gewinnen. Die materielle Basis der freigeistig-humanistischen Arbeit ist zu erweitern.
Wir benötigen klare theoretische Aussagen, eindeutige ethische Positionen und eine effektive und verständliche Öffentlichkeitsarbeit.  Wir müssen noch mehr lernen, unterschiedliche Positionen innerhalb der freigeistigen und kirchenfreien Bewegung zu akzeptieren und das Verbindende zu suchen und zur Grundlage gemeinsamer Tätigkeit zu machen.
Wir müssen die Medien flexibel nutzen sowie Sendezeiten im Rundfunk und Sitze in den Rundfunkräten erringen nd ausfüllen.

Die Bewegung, die sich säkular humanistisch und freigeistig versteht, hat die brennenden Fragen der Zeit aufzugreifen und Antworten wirkungsvoll anzubieten. Zu den wichtigsten Themen gehören m.E.:
           - Verantwortung für den Mitmenschen, deren Rechte und Freiheiten und die Natur und Umwelt
sittliche Werte: Wahrhaftigkeit, Solidarität, Toleranz, Freiheit, informationelle  Selbstbestimmung
- Friedenserhalt bzw. –schaffung, nichtmilitärische Konfliktlösungen
- Gleichberechtigung von Frau und Mann - Selbstbestimmung der Frau contra § 218;  gleichgeschlechtliche Partnerschaften
- strikte Trennung von Kirche und Staat und Entkonfessionalisierung der Schule
lmenschenwürdige Lösungen im unzureichenden Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht in  Deutschland (gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt)
- Gentechnologie und Bioethik
      - neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen, sog. Sekten und Psychogruppen, Okkultismus und Satanismus, Aufklärung vor Missbrauch der Gewissens- und Religionsfreiheit
- Sterbehilfe und humanes Sterben


Die Europäische Vereinigung und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Teile sind Anlass, uns der zukünftigen Wege des gemeinschaftlichen Lebens und Wirtschaftens im eigenen Land  und im Verhältnis zu anderen Staaten und Völkern bewusst zu werden und zu vergewissern. Verfassungsgebung ist ein Weg der vernünftigen Selbstwahrnehmungen und Selbstbeschreibung der Gesellschaft. Die Diskussion einer europäischen Verfassung für ein laizistisches Europa ist Teil dieses Weges. Eine wirklich laizistische Bundesrepublik Deutschland wäre der erste Schritt dorthin. Diese Diskussion ist zugleich Anregung und Voraussetzung für die Entwicklung einer Reform der internationalen Ordnung, in der die Rechte der Europäer nicht durch Unrecht gegen Nichteuropäer existieren dürfen:
Unser Streben nach Glück hat nur Würde, wenn es nicht auf dem Unglück anderer aufbaut.
Unser Streben nach Würde muss die anderen als Gleiche anerkennen.

Unser Programm für Geistesfreiheit, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist nicht veraltet. Es ist Ausdruck Neuen Denkens und setzt aufklärerisches Denken fort. Aufklärerisches Neues Denken verbindet sich mit weltbürgerlicher Identität, Geistesfreiheit und  Menschenrechten. Wir sind eine nicht mehr ruhende Einmischung in die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte weltweit, wo immer sie verletzt werden - sei es im Inland oder im Ausland, sei es in der Gegenwart oder in der Zukunft.


Literaturangaben und Anmerkungen

/1/ Denis Diderot: Stichwort "Menschlichkeit". In: Artikel aus Diderots Enzyklopädie (8.  Band, 1765). Leipzig 1972. S. 681.

/2/ Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. München 1996. S. 9.

/3/ Werner Schneiders: Lexikon der Aufklärung. München 1995. S. 7.

/4/ Vgl. ebd. s. 9 ff.; vgl. auch Volker Mueller: Aufklärung und Naturanschauung im  vorrevolutionären Frankreich. In: Wiss. Zs. der Humboldt-Universität Berlin. Reihe GW,  1989. Heft 4.

    /5/ Vgl. Winfried Schröder: Ursprünge des Atheismus. Stuttgart-Bad Cannstatt 1998; vgl Georges Minois: Geschichte des Atheismus. Weimar 2000.

/6/ Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? Leipzig 1914. S. 1 und 3.
Gegen diese Charakterisierung machte  Hamann geltend, dass ein "Unvermögen eigentlich keine Schuld" und dass zwar eine "V o r m u n d s c h a f t ", nicht aber die "Unmündigkeit" selbstverschuldet sein kann. Das Unvermögen bestehe also in der "Blindheit des Vormundes, der sich für sehend ausgibt und deshalb alle Schuld verantworten muß". Herder nannte die Aufklärung  "das große Jahrhundert des Zweifelns und Wellenerregens". Eine großartige Deutung des Aufklärung gab Hegel in der "Phänomenologie  des Geistes".

      /7/ Vgl.: 50 Jahre für Geistesfreiheit, Humanismus und Menschenrechte. DFW. Pinneberg 2000; Zukunft und Wirkung der freigeistigen Bewegung in Deutschland. In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 11. Pinneberg 1998; Volker Mueller: Menschenrechte und Geistesfreiheit – gegenwärtige Standpunkte in der DFW-Arbeit zur Vertretung konfessionsfreier Interessen. In: Kristall. Heft 1/2001. Neustadt 2001; Das Humanistische Manifest III. Der Ruf nach einem neuen globalen Humanismus. In: humanismus aktuell. Heft 5. Berlin 1999.

/8/ An dieser Stelle möchte ich einige Literaturangaben zum Thema empfehlen, die u. a.  belegen, dass wir es hier wirklich nicht mit einem neuen Schlagwort zu tun haben.
lFritz Hermann "Der Humanismus - Utopie, Ideologie oder Wirklichkeit?"
(Jahrestagung der Freien Akademie 1967)
lFritz Bode "Unsere Aufgaben als freie Humanisten für eine lebensgerechte     Zukunft" (Jahrestagung AG Weser-Ems der Freien Humanisten 1991).
In: homo humanus aktuell A 40
lFinngeir Hiorth "Humanismus - genau betrachtet"
(Neustadt 1996)
lPaul Kurtz "Verbotene Früchte: Ethik des Humanismus"
(Neustadt 1998)
lZeitschrift "diesseits", Heft 43/1998: "Humanisten auf der Suche nach Zukunft"    mit Beiträgen von Christian John, Manfred Isemeyer, Peter Schultz-Hageleit
lHorst Groschopp: Dissidenten. Freidenker und Kultur in Deutschland. Berlin    1997.
lHelmut Steuerwald: Kritische Geschichte der Religionen und freien      Weltanschauungen. Neustadt 1999.

/9/ Paul Kurtz: Humanisten verteidigen die Vernunft. In: diesseits. Berlin. Heft 43/1998. S.  14.

/10/ Vgl. Vijayam: Relevance of humanismus. In: The Atheist. June 1997. S. 7 ff.

/11/ Literaturhinweise zum atheistischen Denken in Indien:
lGora: "Positive Atheism". Vijayawada 1978.
lGora: "An Atheist with Gandhi". Ahmedabad 1986.
lPeriyar E. V. Ramasami: "Is there a God?" Chennai 1996.
lK. Veeramani: "Humanism". Chennai 1998.
l"ATHEIST", Monatszeitung. Anschrift: Atheist Centre, Dr. Vijayam and     Lavanam; Benz Circle, Vijayawada - 520 010. INDIA.
l"The modern Rationalist", Monatszeitschrift, Anschrift: 50, EVK Sampath Salai,    Periyar Thidal - Vepery, Chennai - 600 007, INDIA.



Quelle:
Volker Mueller: Spuren im Wertewandel. Neustadt a.Rbge. 2002. S. 48 - 61


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü