Naturrecht und Aufklärung - Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.

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Naturrecht und Aufklärung

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Naturrecht und Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert

Naturrecht ist eine rechtsphilosophische Position, die die Beziehungen von natürlichem und gesellschaftlichem Recht des Menschen, seiner Natur und rechtlichen Regelung seiner sozialen Verhältnisse beinhaltet. Gerade im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Naturrechtslehre philosophisch begründet und entwickelt; als Namen, auf die näher eingegangen wird, seien hier nur genannt Grotius, Pufendorf und Thomasius; aber auch französische Aufklärer des 18. Jahrhunderts wie Diderot und d'Alembert, die zwischen 1751 und 1772 die "Encyclopédie" herausgeben.

Naturrecht wird in der Geschichte der Rechtsphilosophie als die immer wiederkehrende Idee einer der Natur des Menschen oder der Lebensverhältnisse zu entnehmenden urbildlichen Ordnung des sozialen Seins aufgefasst, die bald als im Gegensatz zum positiven Recht stehend, bald als dessen Grundlage angesehen wird, ihrerseits aber eine zeitüberlegene Gültigkeit und philosophische Wahrheit in Anspruch nehmen kann. /1/

Neben einem mehr normativen (Platon, Rousseau, Fichte, Kant) und ontologischen (Aristoteles, Thomas v. Aquin, Leibniz, Hegel) Typ des Naturrechts entwickelte sich in der Aufklärungsbewegung ein dritter Typus - besonders unter dem Einfluss eines naturwissenschaftlichen Gesetzesbegriffs. Dieses Naturrecht geht von der Vorstellung eines alles Geschehen regulierenden universalen Natur- oder Vernunftgesetzes aus und sucht aus einer angenommenen Voraussetzung (gesellig oder selbstsüchtig, friedfertig oder bösartig), mittels eines rational-deduktiven Verfahrens Folgesätze abzuleiten, die schließlich als direkt anwendbare Rechtssätze gelten.
Dem so verstandenen Naturrecht wurde im 17. und 18. Jahrhundert juristische Geltungskraft insoweit zugeschrieben, als das positive Recht als lückenhaft angesehen werden konnte. Als Begründer dieser Naturrechtslehre gilt der Holländer Hugo Grotius (1583 - 1645). In seinem Werk "Drei Bücher über das Recht des Krieges und des Friedens" (1625) legte er dar, das Naturrecht sei "ein Gebot der Vernunft, welches anzeigt, daß einer Handlung wegen ihrer Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit der vernünftigen Natur eine moralische Häßlichkeit oder moralische Notwendigkeit innewohnt, weshalb Gott, als der Schöpfer der Natur, eine solche Handlung entweder geboten oder verboten habe". Dieses Naturrecht sei so unveränderlich, daß selbst Gott es nicht verändern könne, ja, "es würde auch dann gelten, wenn man zugäbe, was freilich ohne die größte Sünde nicht geschehen könnte, daß es keinen Gott gäbe oder daß er sich um die menschlichen Angelegenheiten nicht kümmere".

Seit der Zeit des Ausganges der Renaissance und der Frühaufklärung finden wir keine einheitliche Naturrechtslehre. Nach verschiedenen Gesichtspunkten einteilbar, ist nach Alfred Verdross /2/  die Naturrechtslehre des 17. und 18. Jahrhunderts zwischen denen, die sich vor allem auf das Individuelle, des individualistische Subjekt beziehen, und denen, die die Sozialität des Menschen zur hauptsächlichen Grundlage haben, zu unterscheiden.
Die individualistische Naturrechtslehre geht vom isolierten Menschen aus. Ihr Begründer war Thomas Hobbes (1588 - 1679). Auch er verwendet den Ausdruck "Naturrecht" (right of nature), versteht aber darunter die im (angeblichen) vorsozialen Naturzustand vorhandene schrankenlose Freiheit, die zu einem Kriege aller gegen alle führt. Daher bezeichnet man Hobbes' System auch als "naturalistische" Naturrechtslehre. Aus diesem Raubtierzustand (homo homini lupus) wird der Mensch durch seine Vernunft herausgelockt, die ihn belehrt, daß er auf das natürliche Recht der schrankenlosen Freiheit verzichten und sich einer absoluten Macht, dem "Leviathan", unterwerfen müsse, um "sich selbst zu erhalten und ein bequemes Leben führen zu können". Die vernünftigen Grundsätze, die dem Menschen zeigen, wie er das Ziel eines solchen friedlichen Lebens erreichen kann, nennt Hobbes merkwürdigerweise das "natürliche Gesetz" (law of nature), obgleich es dem Menschen doch den Weg weist, wie er den asozialen Naturzustand überwinden kann. Eine Verwirklichung dieses Vernunftgesetzes sei aber erst im Staate möglich, da er allein die Menschen anhalten kann, ihm gemäß zu handeln. Daher wird das positive Gesetz der alleinige Maßstab zur Beurteilung des menschlichen Verhaltens (non veritas, sed auctoritas facit legem). Die Gehorsamspflicht der Menschen hört aber zu bestehen auf, wenn die Staatsgewalt nicht mehr imstande ist, Leben und Eigentum der Untertanen zu schützen. In einem solchen Fall lebt der "Naturzustand" wieder auf. Daher nennt Hobbes den Staat trotz seiner Allmacht einen "sterblichen Gott".
John Locke (1632 - 1704) und Jean - Jacques Rousseau (1712 - 1778) nehmen ebenfalls einen vorsozialen Naturzustand isolierter Menschen an, schildern diesen aber als friedlich. Locke folgt Hobbes auch darin, dass er zwischen den vorsozialen, natürlichen Rechten und dem "natürlichen Gesetz" unterscheidet, das er richtig als Vernunftgesetz bezeichnet. Dieses Gesetz belehre die Menschen, dass sie ihre vorsozialen natürlichen Rechte (Leben, Freiheit und Eigentum) nur genießen können, wenn sie sich zu einem Staate zusammenschließen und ihm die Aufgabe übertragen, diese Rechte zu schützen. Dieser Vertrag ist daher kein Unterwerfungsvertrag, wie bei Hobbes, sondern ein Gesellschaftsvertrag. Erst im Staate finden die Menschen die nötige Muße, ihre Vernunft richtig zu gebrauchen und so ein ihnen angemessenes positives Recht zu setzen, das dann allein für sie verbindlich ist. Das auch Vernunftgesetz genannte "natürliche Gesetz" von Hobbes und Locke ist daher kein moralisches verbindliches Normengefüge, wie die stoisch-christliche  "lex naturalis", sondern eine bloße Belehrung der Vernunft auf die Frage: Unter welchen Normen kann das Ziel eines friedlichen Lebens erreicht werden? Verbindliches Recht gibt es daher für sie nur  im Staat und durch den Staat.

Rousseau kennt ein Naturrecht einzig im vorstaatlichen Naturzustand, da nach der Gründung von Staaten nur mehr positives staatliches Recht in Geltung steht, dem sich die Menschen durch Abschluss des Gesellschaftsvertrages (contract social) unterwerfen, womit sie auf ihre vorstaatlichen Rechte verzichten. Daher kann Rousseau sagen, dass der Staat kein Gebilde der Natur ist, sondern durch Verträge ins Leben gerufen wird.

Auch Kant (1724 - 1804) geht vom Individuum aus, da er als einziges ursprüngliches, jedem Menschen zustehendes Naturrecht die Freiheit anerkannt. Die praktische Vernunft fordert aber von den Menschen, aus dem Naturzustand herauszutreten und sich positiven Rechtsgesetzen zu unterwerfen. So entsteht der Staat, dessen Aufgabe es ist, die Freiheitssphären der Menschen gegeneinander so abzugrenzen, dass ein friedliches Zusammenleben möglich wird. Auch den Staaten gebietet die praktische Vernunft, den Naturzustand aufzugeben und einen allgemeinen Staatenverein unter einer rechtlichen Verfassung zu begründen, den Kant als erster "Völkerbund" nennt. Selbst bei Kant tritt das Naturrecht mit der Gründung von konkreten Rechtsgemeinschaften in den Hintergrund, weshalb er jedes Widerstandsrecht gegen die öffentliche Gewalt verwirft.

Die ganze individualistische Naturrechtslehre unterscheidet also zwischen der Geltung des Naturrechts im (angeblichen) Naturzustand und der Geltung des positiven Rechts nach der Gründung von Staaten. Dieses Naturrecht hat daher nur die Funktion, dem positiven Recht in den Sattel zu verhelfen und die Geltung des Gesellschafts- oder Unterwerfungsvertrages zu fundieren.

Die sozialen Naturrechtslehren nehmen ihren Ausgangspunkt von der sozialen Natur des Menschen. Ihr Bestreben ist es, die Normen des Naturrechts mit der bloßen Vernunft (ope solius rationis) aus jener Natur zu erschließen. In diesem Sinne ist diese Lehre "rationalistisch". Es ist aber irreführend, sie mit der gerade geschilderten Vernunftslehre unter der Kollektivbezeichnung "rationalistische Naturrechtslehre" zusammenzufassen, da für diese die Vernunft die Rechtsquelle, für jene aber nur die Erkenntnisquelle bildet. Sie unterscheidet sich daher von der christlichen Naturrechtslehre nicht wesentlich, da auch diese die naturrechtlichen Normen nicht aus der Offenbarung, sondern aus der sozialen Natur des Menschen ableitet, wenngleich sie zu ihrer tieferen Fundierung auch christliche Grundsätze heranzieht.

Hugo Grotius betrachtet in seinem berühmten System des Völkerrechts die menschliche Natur als solche (ipsa humana natura) als Rechtsquelle, da sie uns zur Geselligkeit antreibt, während die rechte Vernunft (ration recta) die Erkenntnisquelle des Naturrechts bildet. Sie zeigt uns nämlich an, ob ein Verhalten mit der menschlichen Natur übereinstimmt oder nicht.
Eine Weiterbildung dieser Lehre erfolgt durch Samuel Pufendorf (1632 - 1694). Sie unterscheiden sich dadurch, dass Grotius meint, dass das Naturrecht auch dann gelten würde, wenn es keinen Gott gäbe, während Pufendorf das Recht als Anordnung eines Höheren an einen Untergebenen definiert und daher das Naturrecht nur deshalb als verbindlich betrachtet, weil Gott den Menschen mit einer sozialen Natur ausgestattet und auf diese Weise zur "socialitas" angehalten hat. Dieser leitende Grundsatz verpflichtet die Menschen untereinander, Gemeinschaft zu pflegen und zu erhalten und alle Mittel anzuwenden, um die Gemeinschaft zu befestigen und zu fördern. Aus diesem obersten Grundsatz leitet Pufendorf folgende Folgerungen ab:
a) Keiner schädige den anderen und jeder leiste für angerichteten Schaden Schadenersatz.
b) Jeder behandle die anderen Menschen als von Natur aus gleichberechtigt wegen der allen  Menschen zukommenden Würde (inesse aliqua dignatio).
c) Jeder helfe den anderen, soviel er vermag.
d) Jeder soll die von ihm übernommenen Verpflichtungen erfüllen.

Da Pufendorf den Staat durch einen Unterwerfungsvertrag entstehen läßt, wird das vom Staate erlassene positive Recht dem System des Naturrechts einverleibt.
Pufendorf betrachtet das Naturrecht mangels einer Zwangsgewalt als "unvollkommenes Recht" (lex imperfecta). Zur Erhaltung des gesellschaftlichen Lebens bedarf es daher einer Herrschergewalt (imperium). Mit der Gründung der Staaten tritt das Naturrecht in den Hintergrund, da Pufendorf kein Widerstandsrecht anerkannt.
Das Naturrecht wird so zu einer bloßen Maxime für einen aufgeklärten Gesetzgeber. Richtig bemerkt daher Leibniz, daß Pufendorf in Wahrheit das Recht vom Staate ableitete.
Sein Nachfolger  Christian Thomasius (1655 - 1728) geht noch weiter, da er die Normen des Naturrechts als bloße Ratschläge (consilia) bezeichnet. Sie empfehlen uns, das zu tun, "was das Leben glücklich macht, und das zu meiden, was den Tod beschleunigt und das Leben schwer macht". In diesem Sinne hat sich Thomasius als Rechtspolitiker gegen die Verwendung der Folter und gegen die Hexenprozesse mutig eingesetzt.

Einen Höhepunkt der neuzeitlichen Naturrechtslehre bildet das naturrechtliche System von Christian Wolff (1679 - 1754). Er verbindet den Gedanken der sozialen Natur des Menschen mit der von Leibniz übernommenen Idee der Vervollkommnung (perfectio) von Mensch und Gesellschaft. Damit tritt wieder - wie bei Aristoteles - der Endzweck (telos) des Menschen in den Mittelpunkt der Naturrechtslehre, die bei Wolff Moral und Recht umfasst. Ihr oberster Grundsatz fordert von uns, mit vereinten Kräften das zu tun, was die Vervollkommnung der Menschen fördert und die gegenteiligen Handlungen zu unterlassen. Doch sei nur die Unterlassungspflicht, niemanden zu schädigen, eine vollkommene Verpflichtung, während bei der positiven Pflicht zur Hilfeleistung jedermann selbst das Ausmaß seiner Hilfeleistungen zu bestimmen habe. Durch Verträge könne sie aber zu einer vollkommenen Verpflichtung ausgestaltet werden.
Mit diesen Zielen sei auch die Anwendung aller Mittel geboten, die zu ihrer Erreichung notwendig sind. Wolff leitet ferner aus der natürlichen Gleichheit die Menschenrechte der Gleichheit, der Freiheit, der Notwehr und des Rechtes auf Sicherheit ab, wodurch der Staatsgewalt bestimmte Grenzen gesetzt werden.
Von besonderer Bedeutung ist Wolffs Völkerrechtslehre, die das Völkerrecht nicht bloß aus Übung und Verträgen ableitet, sondern anerkennt, dass über ihnen jene Normen stehen, die sich aus dem Ziele der universellen Staatengemeinschaft (ex fine civitatis maximae) ergeben, das die Staaten dazu verpflichtet, sich mit vereinten Kräften zu vervollkommnen. Daher ist der Friede der normale und der Krieg der anormale Zustand, den ein Staat nur herbeiführen darf, um sein Recht zu behaupten oder ein Unrecht abzuwehren.

Dieses Naturrechtsystem, das sich selbst als "systema veri nominis" bezeichnet, fand trotz seiner neuen und in die Zukunft weisenden Gedanken wenig Anklang, da es den vergeblichen Versuch unternommen hat, die einzelnen Normen mit mathematischer Methode durch logische Schlussfolgerungen aus den leitenden Prinzipien abzuleiten, dabei aber übersehen hat, daß unter verschiedenen geschichtlichen Umständen ganz verschiedene Mittel zur Erreichung feststehender Ziele notwendig sind. Diese Mittel können daher nicht durch logische Deduktionen, sondern nur mittels der Überlegung gefunden werden, welche Mittel in einer bestimmten Lage geeignet sind, ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Alle starren Naturrechtssysteme scheitern, da sie die notwendige geschichtliche Veränderlichkeit der sekundären Naturrechtsnormen verkennen. Dennoch sind die Naturrechtssysteme von Pufendorf und Wolff wertvoll, da sie in der Zeit der Umgestaltung der feudalen in die bürgerliche Ordnung das damalige Privatrecht im Sinne der Grundsätze von Gleichheit und Freiheit neu durchdacht und so die Kodifikationen des bürgerlichen Privatrechts vorbereitet haben. Ihr Irrtum liegt darin, dass sie geglaubt haben, ein für alle Zeiten geltendes Naturrecht ermittelt zu haben, während von ihnen in Wahrheit nur die sekundären, dem liberal-bürgerlichen Zeitalter angepassten Naturrechtsnormen herausgearbeitet worden sind.

Das Naturrecht hat der Etablierung des Staates im 17. und 18. Jahrhundert ebenso gedient wie seiner Verrechtlichung. Sowohl der Absolutismus als auch ständische oder konfessionelle Gegner /3/  haben sich aus seinem Arsenal bedient und Herrschaft legitimiert und kritisiert, jeweils vom Boden dessen aus, was in der aktuellen politischen Lage als "natürliches Recht" erschien. Ideologische und ideologiekritische Funktion des Naturrechts liefen also nebeneinander her.

Soweit das Naturrecht als Hebel gegen "Macht, Herkommen und soziale und wissenschaftliche Autoritäten" eingesetzt wurde, war seine Stoßrichtung identisch mit der Aufklärung. So eng auch, etwa bei Pufendorf und Thomasius, das Naturrecht mit dem aufklärerischen Impetus verbunden war, so wenig dürfen Naturrecht und Aufklärung identifiziert werden; denn das Naturrecht hatte, wie gesagt, ein ebenso breites Anwendungsfeld als herrschaftsunterstützende Ideologie, und die Aufklärung hat sich keineswegs immer gerade naturrechtlicher Argumente bedient. Beide Bewegungen sind eng miteinander verknüpft: sowohl ihrem Ursprung nach, da das System des neueren Vernunftsrechts durch die Denker der Frühaufklärung, wie Galilei und Descartes, ermöglicht wurde, wie in ihren Wirkungen, da die Aufklärung ihre humanitären Forderungen wie die Abschaffung der Zaubereidelikte, der Folter und der  Leibesstrafen vernunftrechtlich begründete.

Das Ziel der Ausschaltung intermediärer Gewalten, der Zentralisierung und Rationalisierung der Herrschaft wurde, außer durch die Begünstigung des Naturrechts und die Vorbereitung der aus diesem schließlich hervorgehenden Kodifikationen, durch ökonomische Faktoren erheblich gefördert. Da die Einheitsverwaltung eines Territoriums eine Bestandsaufnahme von Land und Leuten voraussetzte, entwickelte sich als eigentliche "Staatenkunde" die Statistik. Sie erlaubte zum erstenmal Beobachtungen von Veränderungen der Bevölkerungsstruktur, zuverlässigere Schätzungen künftiger Einnahmen und Aussagen über voraussichtliche Wirkungen von Gesetzgebungsakten.
Ein zweiter Aspekt hängt damit zusammen: Tendenzielle Rechtsgleichheit, wie sie das Naturrecht vorbereitete, statistische Erfassung der Bevölkerung samt Anlegung von Grundbüchern sowie territoriale Abschließung durch ein Grenz- und Zollwesen sind die Voraussetzungen für den Übergang zum modernen Steuerstaat. Während im 16. und noch in der Mitte des 17. Jahrhunderts Steuern als außergewöhnliche (Not-) Finanzquellen angesehen wurden und der Staat mit seinen Einkünften aus Domänen und Regalien Züge einer "großen Gutswirtschaft" trug, rückten mit dem Ausbau des Absolutismus Steuern und Zölle immer mehr in den Vordergrund. Am Ende des 18. Jahrhunderts verkaufte man dann allenthalben große Staatsdomänen; anstelle des "Kammergutes" wurde die Steuer die normale Geldquelle des Staates. Dieser Prozess vollzog sich aber keineswegs lautlos. Der Kampf um das Steuerbewilligungsrecht zwischen Landesherrn und Ständen entwickelte sich im 17. Jahrhundert angesichts eines durch Kriege, höfischen Luxus, Schloss- und Festungsbauten enorm gestiegenen Finanzbedarfs zur wichtigsten Verfassungsfrage.
Schließlich konvergierten die Rationalisierungs- und Egalisierungstendenzen des Naturrechts mit den politischen Absichten des Absolutismus auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik. Im absolutistischen Konzept waren die Methoden des Merkantilismus - neben dem Krieg - das wichtigste Mittel zu Machtkonzentration und Expansion. Der "Schatz" eines Landes war seine Macht, der Besitz volkreicher "blühender Provinzen" füllte die Kassen, erlaubte die Erhöhung der Heeresstärke und setzte sich so unmittelbar in außenpolitisches Gewicht um. Gemäß der Verfassungslage in Deutschland war der Merkantilismus eine Sache der Territorien, die mit seinen Methoden relativ schnell den Wiederaufbau nach 1648 erreichten.

Naturrecht und Aufklärung haben sich gegenseitig durchdrungen und gestützt. Das Naturrecht hat dem Absolutismus stärker in seiner Entfaltungs-, die Aufklärung stärker in seiner Spätphase als Reforminstrument gedient. Je mehr die Aufklärungsphilosophie des späten 18. Jahrhunderts sich englischen Einflüssen des Empirismus und Sensualismus öffnete oder französische materialistische Impulse aufnahm, desto mehr wirkten die "more geometrico" errichteten Systeme der naturrechtlichen Klassiker (Pufendorf, Wolff) überholt.

Das Naturrecht der Aufklärung, das im 18. Jahrhundert großen Einfluss auf die Gesetzgebung gewann, erwarb sich um die Humanisierung der Rechtspflege (Abschaffung der Folter und der Hexenprozesse) nachhaltige Verdienste. Auch in die Unabhängigkeitserklärung der USA vom 04.07.1776 und in der Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte vom 26.08.1789, die der französischen Revolutionsverfassung vorangestellt ist, haben Naturrechtsideen Eingang gefunden. So lautet der Artikel 2 der Deklaration: "Der Endzweck aller politischen Vereinigung ist die Erhaltung der natürlichen unabdingbaren Menschenrechte. Diese Rechte sind die Freiheit, das Eigentum, die Sicherheit, der Widerstand gegen die Unterdrückung." In der jakobinischen Verfassung vom 24.06.1793 ist wiederum von den natürlichen Rechten die Rede. Dort heißt es im Artikel 1: "Der Zweck der Gesellschaft ist das Allgemeinwohl. Die Regierung ist eingesetzt, um dem Menschen die Nutzung seiner natürlichen und unabdingbaren Rechte zu verbürgen." Und im Artikel 2: "Diese Rechte sind Gleichheit, Freiheit, Sicherheit, Eigentum." Auch hier zeigt sich die revolutionäre Bedeutung der Naturrechtstheorien des 17. und 18. Jahrhunderts.

Wie wird das Naturrecht in dem großen Gemeinschaftswerk der französischen Aufklärer, der in 17 Text- und 11 Bildbänden vorliegenden "Encyclopédie", für die neben den Herausgebern Diderot und d'Alembert solche Namen von Mitarbeitern wie Voltaire, Holbach, Rousseau, Montesquieu, Quesnay, Turgot u. a. stehen, dargelegt? Im 5. Band schreibt Diderot im Artikel "Naturrecht" ("Droit naturel") von den Schwierigkeiten, diesen so geläufigen Begriff korrekt zu bestimmen. Aus vernunftsrechtlichen Gründen sieht er für das Naturrecht folgende Aspekte: "Der Mensch, der nur seinem besonderen Willen gehorcht, ist der Feind der Menschheit. Der allgemeine Wille ist in jedem Individuum ein Verstandesakt, weil der Verstand, während die Leidenschaften schweigen, darüber nachdenkt, was der Mensch von einem Wesen seinesgleichen fordern darf und was dieses Wesen seinerseits von ihm fordern kann. Diese Berücksichtigung des allgemeinen Willens der Gattung und des gemeinsamen Wunsches ist die Richtschnur für das Verhalten eines einzelnen gegenüber einem einzelnen in derselben Gesellschaft, eines einzelnen gegenüber der Gesellschaft, deren Mitglied er ist, und der Gesellschaft,der er angehört, gegenüber anderen Gesellschaften. Die Unterwerfung unter den allgemeinen Willen ist das Band aller Gesellschaften, ohne daß davon die Gesellschaften auszunehmen wären, die durch die Verbrechen entstanden sind. Ach, die Tugend ist so schön, daß sogar Räuber ihr Bild im Hintergrund ihrer Höhlen verehren! Die Gesetze müssen für alle, nicht aber für einen gemacht sein; sonst würde dieses vereinzelte Wesen jenem leidenschaftlichen Vernünftler gleichen, den wir im Abschnitt 5 zum Schweigen gebracht haben. Da von den zwei Willen - dem allgemeinen und dem besonderen - der allgemeine Wille niemals irrt, so ist es nicht schwer einzusehen, welchem Willen - zum Glück der Menschheit - die gesetzgebende Gewalt gehören sollte und welche man jenen erhabenen Sterblichen schuldig ist, deren besonderer Wille die Autorität und die Unfehlbarkeit des allgemeinen Willens vereint. Wenn man annähme, daß der Begriff der Gattungen einem ewigen Wechsel unterworfen sei, so würde sich das Wesen des Naturrechtes doch nicht ändern, da es sich immer auf den allgemeinen Willen und den gemeinsamen Wunsch der ganzen Gattung beziehen würde. Die Billigkeit verhält sich zur Gerechtigkeit wie die Ursache zu ihrer Wirkung, oder die Gerechtigkeit kann nichts anderes sein als die erklärte Billigkeit. Kurz, alle diese Konsequenzen sind evident für denjenigen, der vernünftig denkt, und wer nicht vernünftig denken will, verzichtet darauf, Mensch zu sein, und muß deshalb als entartetes Wesen behandelt werden." /4/
Louis de Jaucourt, engster Mitarbeiter von Diderot, schreibt im 5. Band zum Stichwort "Natürliche Gleichheit" ("Egalité naturelle")  und im 9. Band zu "Natürliche Freiheit" ("Liberté naturelle") sowie Diderot im 13. Band zum Begriff "Eigentum", die grundlegende Bedeutung für die Naturrechtstheorien der Aufklärung im vorrevolutionären Frankreich haben. Jaucourt bestimmt "Natürliche Gleichheit" als diejenige Gleichheit, "die zwischen allen Menschen auf Grund der Beschaffenheit ihrer Natur besteht. Diese Gleichheit ist das Prinzip und die Grundlage der Freiheit. Die natürliche oder moralische Gleichheit beruht also auf der Beschaffenheit der menschlichen Natur, die allen Menschen gemeinsam ist, die in der gleichen Weise geboren werden, heranwachsen, weiterleben und sterben. Da die menschliche Natur sich bei allen Menschen als gleich erweist, ist es klar, dass jeder die anderen achten und behandeln muss wie ebensolche Wesen, die ihm von Natur aus gleichgestellt sind, das heißt, die ebensogut Menschen sind wie er. Aus diesem Prinzip der natürlichen Gleichheit der Menschen ergeben sich mehrere Konsequenzen. Ich betrachte hier kurz die wichtigsten:
1. Aus diesem Prinzip geht hervor, daß alle Menschen von Natur aus frei sind und daß die Vernunft sie nur zu ihrem Glück abhängig machen konnte.
2. Trotz aller Ungleichheiten, die in der Staatsordnung durch die Standesunterschiede, durch den Adel, durch die Macht, durch den Reichtum usw. entstehen, müssen diejenigen, die am höchsten über die anderen gestellt sind, ihre Untergebenen als Menschen behandeln, die ihnen von Natur aus gleichgestellt sind; sie müssen jede Beleidigung vermeiden, dürfen nicht mehr fordern, als man ihnen schuldig ist, und sollten das, was ihnen ganz unstreitig zusteht, mit Menschlichkeit verlangen.
3. Wer kein Sonderrecht erworben hat, auf Grund dessen er irgendwie Bevorzugung verlangen könnte, darf nicht mehr verlangen als die anderen, sondern muß sie im Gegenteil die gleichen Rechte genießen lassen, die er sich zuerkennt.
4. Eine Sache, die dem allgemeinen Recht unterliegt, muß entweder gemeinsam genossen werden, oder abwechselnd im Besitz eines jeden sein, oder sie muß zu gleichen Teilen unter die verteilt werden, die das gleiche Recht haben, oder sie muß durch eine angemessene und regelmäßige Entschädigung aufgewogen werden; oder man muß, wenn das unmöglich ist, schließlich die Entscheidung dem Los überlassen - ein  sehr bequemer Ausweg, der jeden Verdacht der Geringschätzung und der Voreingenommenheit beseitigt, ohne die Achtung gegenüber den Personen zu schmälern, für die er sich als ungünstig erweist.
" /5/. Und abschließend der Begriff "Natürliche Freiheit": "Liberté naturelle (Naturrecht): Dieses Recht gibt die Natur allen Menschen, damit sie über ihre Personen und ihre Güter in der Weise verfügen, die ihrem Urteil nach ihrem Glück am meisten angemessen ist - allerdings mit der Einschränkung, daß sie dieses Recht in den Grenzen des Naturgesetzes anwenden und es nicht zum Schaden der anderen Menschen mißbrauchen. Die natürlichen Gesetze sind also Richtschnur und Maßstab für diese Freiheit; denn obwohl die Menschen  im primitiven Naturzustand voneinander unabhängig sind, sind sie doch alle abhängig von den natürlichen Gesetzen, von denen sie sich bei ihren Handlungen leiten lassen müssen. Der erste Zustand, den der Mensch von Natur aus erwirbt und der als das kostbarste aller Güter gilt, die er besitzen kann, ist der Zustand der Freiheit; er kann weder gegen einen anderen getauscht noch verkauft werden, noch verlorengehen; denn natürlicherweise werden alle Menschen frei geboren; das heiße, sie sind nicht der Gewalt eines Herrn unterworfen, und niemand hat auf sie ein Eigentumsrecht." /6/

Ein gewisses Maß von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Sicherheit stellt eine unerlässliche Voraussetzung für das Bestehen einer Rechtsordnung dar. Diese These beruht auf der naturrechtlichen Annahme, dass diese Werte dem Wesen oder der Natur des Menschen entspringen. Die Menschen begehren eineFreiheitssphäre, in der sie ihre eigenen Anlagen und Interessen betätigen können. Die Menschen verlangen auch ein gewisses Maß an Gleichheit, nicht so sehr im Sinne absoluter Egalität oder in der Ablehnung jeglicher Form von sozialer Schichtung, sondern als Protest gegen willkürliche oder unvernünftige Ungleichbehandlung gleichgelagerter Situationen. Schließlich lehnen die Menschen auch einen chaotischen Zustand der Gesellschaft ab, in dem jeder gegen jeden Krieg führen kann, in dem die Aggressivität belohnt und die friedliche Zusammenarbeit verfemt wird, und in dem nur die Stärksten und Wohlhabendsten in der Lage sind, sich die zum Leben unerlässlichen Voraussetzungen zu sichern.

Literaturangaben:

/1/ Vgl.: Hoffbauer, Johann Christoph: Untersuchungen über die wichtigsten Gegenstände  des Naturrechts. Halle 1795 (Reprint Bruxelles 1969); Wolf, Erik: Das Problem der  Naturrechtslehre. Karlsruhe 1959; Mayer- Maly, Dorothea / Simons, Peter M. (Hrsg.):  Das Naturrechtsdenken heute und morgen. Gedächtnisschrift für René Marcic. Berlin  1983.

/2/ Vgl.: Verdross, Alfred: Statisches und dynamisches Naturrecht. Freiburg 1971.

/3/ Vgl.: Stolleis, Michael (Hrsg.): Staatsdenker im 17. und 18. Jahrhundert. Frankfurt /  Main  1987.

/4/ Artikel aus der von Diderot und d'Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. Leipzig  
1972. S. 315 f.

/5/ Ebd. S. 385 f.

/6/ Ebd. S. 740.


Quelle:
Volker Mueller: Spuren im Wertewandel. Neustadt a.Rbge. 2002. S.154 - 165



 
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