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Berichte+Statements > 2013 > 200 Jahre Ronge

Aus Diderots „Encyclopédie“



Abbé Yvon: Encyclopédie“-Artikel: Atheisten

„Atheisten – Athées ( Metaphysik ): Atheisten nennt man diejenigen, welche die Existenz eines Gottes als Schöpfer der Welt leugnen. Man kann sie in drei Klassen einteilen: die einen leugnen, daß es einen Gott gibt, die anderen tun so, als seien sie in dieser Frage ungläubig oder skeptisch; die dritten schließlich, die sich von den ersten kaum unterscheiden, leugnen die Hauptattribute des göttlichen Wesens und nehmen an, Gott sei ein Wesen ohne Intelligenz, das nur aus Notwendigkeit handle, das heißt ein Wesen, das eigentlich überhaupt nicht handelt, sondern immer passiv ist. Der Irrtum der Atheisten entspringt notwendig aus einer dieser Quellen.
Er entspringt erstens aus Unwissenheit und Dummheit. Es gibt verschiedene Personen, die niemals etwas aufmerksam untersuchen, niemals von ihren natürlichen Geistesgaben guten Gebrauch gemacht haben, nicht einmal, um die Kenntnis der einleuchtendsten Wahrheit zu erwerben, die am leichtesten zu finden sind. Sie verbringen ihr Leben in einer Untätigkeit des Geistes, die sie auf die Stufe der Tiere herabdrückt, ja erniedrigt. Manche glauben, es habe Völker gegeben, die so ungebildet und so wild waren, daß sie keine Ahnung von Religion hatten. Strabon berichtet, daß es in Spanien und in Afrika Völker gab, die ohne Götter lebten und bei denen man keine Spur von Religion entdecken könnte. Wenn das zuträfe, so müßte man daraus folgern, daß sie immer Atheisten gewesen waren; denn es scheint keinesfalls möglich, daß ein ganzes Volk von der Religion zum Atheismus übergeht. Die Religion ist eine Sache, die in einem Lande, wenn sie dort erst einmal gestiftet worden ist, ewig fortdauern muß – man hält aus Gründen des Interesses und auf der Hoffnung auf eine zeitliche oder ewige Glückseligkeit an ihr fest. Man erwartet von den Göttern die Fruchtbarkeit des Bodens und den guten Ausgang der Unternehmungen; man fürchtet, daß sie Unfruchtbarkeit, Pest, Unwetter und verschieden andere Plagen schicken könnten, und befolgt daher aus Furcht und aus Hoffnung den öffentlichen Kult der Religion. Man ist sehr darauf bedacht, die Erziehung der Kinder damit zu beginnen, man empfiehlt ihnen die Religion als eine Sache von größter Bedeutung und als die Quelle des Glücks oder Unglücks, je nachdem, ob man sich befleißigt oder verabsäumt, den Göttern die Ehren zu erweisen, die ihnen gebühren; denn solche Gesinnungen, die man mit der Muttermilch aufnimmt, verlieren sich nicht aus dem Geist eines Volkes; sie können sich zwar in mancherlei Weise ändern – ich meine, man kann Zeremonien oder Dogmen ändern, sei es aus Ehrfurcht vor einem neuen Theologen, sei es unter den Drohungen eines Eroberers; aber sie können nicht völlig verschwinden. Übrigens wollen die Personen, die in Dingen der Religion einen Zwang auf die Völker ausüben, diese gewiß nicht zum Atheismus verleiten; alles läuft nur darauf hinaus, die Formeln des Kults und des Glaubens, die ihnen mißfallen, durch andere Formeln zu ersetzen.
Die zweite Quelle des Atheismus ist die Entartung und Verderbtheit der Sitten. Es gibt Menschen, die durch Laster und Ausschweifungen ihre natürlichen Geistesgaben fast zerstört und ihre Vernunft verdorben haben;  denn anstatt sich in unvoreingenommener Weise der Erforschung der Wahrheit zu widmen und sich sorgfältig über die Vorschriften und Pflichten zu unterrichten, die uns die Natur auferlegt, gewöhnen sie sich daran, Einwände gegen die Religion vorzubringen, ihnen größere Überzeugungskraft zu verleihen, als sie haben, und sie hartnäckig zu verfechten. Sie sind zwar nicht davon überzeugt, daß es keinen Gott gibt, leben aber so, als seien sie davon überzeugt, und versuchen in ihrem Geist alle Begriffe auszulöschen, die darauf abzielen, ihnen die Existenz eines göttlichen Wesens zu beweisen. Die Existenz eines Gottes stört sie im Genuß ihres sündhaften Vergnügens; deshalb möchten sie glauben, daß es keinen Gott gibt, und bemühen sich, so weit zu gelangen. Tatsächlich gelingt es ihnen zuweilen, sich zu betäuben und ihr Gewissen einzuschläfern; aber es erwacht von Zeit zu Zeit wieder, und sie können den Pfeil, der sie zerfleischt, nicht ganz herausreißen.
Es gibt verschiedene Stufen des praktischen Atheismus, und man muß in diesem Punkt sehr vorsichtig sein.“

Quelle: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, Leipzig 1972, S. 106 ff.


Denis Diderot: „Encyclopédie“-Artikel: Aufgeklärt und klarblickend

„Aufgeklärt und klarblickend -  Eclairé et clairvoyant (Grammatik) : Diese zwei Begriffe beziehen sich auf die Kenntnisse des Geistes. Aufgeklärt sagt man in bezug auf erworbene Kenntnisse, klarblickend in bezug auf natürliche Kenntnisse. Diese zwei Eigenschaften verhalten sich zueinander wie das Wissen zum Scharfsinn. Es gibt Fälle, in denen uns aller erdenklicher Scharfsinn nicht eingibt, wofür wir uns entscheiden sollen; dann genügt es nicht, klarblickend zu sein, sondern dann muß man aufgeklärt sein. Umgekehrt gibt es Fälle, in denen alles erdenkliche Wissen uns im ungewissen läßt;  dann genügt es nicht, aufgeklärt zu sein, sondern dann muß man klarblickend sein. Aufgeklärt muß man in Fragen nach den vergangenen Tatsachen sein, etwa nach den bereits erlassenen Gesetzen und anderen ähnlichen Dingen, die nicht unserer Mutmaßung überlassen sind;  klarblickend muß man in allen jenen Fällen sein, in denen es sich um Wahrscheinlichkeiten handelt und die Mutmaßung stattfindet. Der aufgeklärte Mensch weiß, was geschehen ist; der klarblickende Mensch ahnt, was geschehen wird: Der eine hat viel in Büchern gelesen, der andere versteht in den Köpfen zu lesen. Der aufgeklärte Mensch entscheidet sich von Autoritäten, der klarblickende Mensch entscheidet sich aus Vernunftgründen. Zwischen dem gebildeten und dem aufgeklärten Menschen besteht der folgende Unterschied: Der Gebildete kennt die Dinge, der Aufgeklärte versteht auch, sie entsprechend anzuwenden; doch das gemeinsame dabei ist, daß ihrem Verdienst immer erworbene Kenntnisse zugrunde liegen. Ohne die Erziehung wären beide ganz gewöhnliche Menschen gewesen, was man von dem Klarblickenden nicht sagen kann. Tausend Gebildete kommen auf einen Aufgeklärten, hundert Aufgeklärte auf einen Klarblickenden und hundert Klarblickende auf ein Genie. Das Genie schafft die Dinge; der Klarblickende leitet daraus Prinzipien ab; der Aufgeklärte wendet sie an; der Gebildete kennt wohl die geschaffenen Dinge, die Gesetze, die man ihnen abgeleitet hat, und die Anwendungen, die man mit ihnen gemacht hat: Er weiß alles, bringt aber nichts hervor.“

Quelle: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, a.a.O., S. 320 f.


Charles Le Roy: „Encyclopédie“-Artikel: Mensch

„Mensch – Homme (Moral) : Dieses Wort hat keine präzise Bedeutung, sondern erinnert uns nur an all das, was wir sind; aber was wir sind, kann doch nicht in einer einzigen Definition enthalten sein. Auch wenn man nur einen Teil unseres Wesens zeigen will, bedarf man der Unterscheidungen und näheren Ausführungen. Wir wollen hier nicht von unserer äußeren Gestalt und dem organischen Bau sprechen, auf Grund dessen wir der Klasse der Tiere zugeordnet sind. Siehe hierüber den Artikel Mensch (Anatomie). Der Mensch, den wir betrachten, ist jenes Wesen, das denkt, will und handelt. Wir untersuchen also nur, welche Triebfedern ihn in Bewegung setzen und welche Beweggründe ihn bestimmen. Was diese Untersuchung erschweren kann, ist die Tatsache, daß die menschliche Gattung kein Unterscheidungsmerkmal aufweist, an dem alle Individuen erkennen könnte. Es bestehen so große Unterschiede zwischen ihren Handlungen, daß man geneigt sein dürfte, diese Unterschiede auch in ihren Beweggründen anzunehmen. Von dem Sklaven, der in unwürdiger Weise seinem Herrn schmeichelt, bis zu Thamas, der Tausende seinesgleichen umbringt, um niemanden über sich zu haben, sieht man unzählige solche Verschiedenheiten. Wir glauben bei den Tieren deutlichere Unterscheidungsmerkmale wahrzunehmen. Allerdings kennen wir nur die groben Erscheinungsformen ihres Instinkts. Das Sehvermögen, das uns allein unterscheiden lehrt, läßt uns im Hinblick auf die Verrichtungen der Tiere im Stich.. Wenn man sie aber genau beobachtet, hält man sie des Fortschritts für fähiger, als man gewöhnlich annimmt. Siehe den Artikel Instinkt. Aber alle ihre Handlungen zusammengenommen lassen zwischen den Tieren und den Menschen noch einen unendlichen Abstand. Mag er die Herrschaft über sie auch widerrechtlich an sich gerissen haben, so ist das doch nichtsdestoweniger ein Beweis für die Überlegenheit seiner Mittel und folglich auch für die seiner Natur.. Man kann nicht umhin, von diesem Vorteil überzeugt zu sein, wenn man die gewaltigen Leistungen des Menschen betrachtet, wenn man seine Fertigkeiten und den Fortschritt seiner Wissenschaften bis ins kleinste untersucht, wenn man sieht, wie er die Meere überquert, den Himmel ausmißt und dem Donner sein Getöse und seine Wirkungen streitig macht. Wie aber sollte man nicht erschrecken angesichts der Niedrigkeit und Grausamkeit der Handlungen, durch die sich dieser König der Natur so oft entwürdigt? Aus Entsetzen vor jener abscheulichen Mischung haben einige Moralisten, um den Menschen zu erklären, Zuflucht zu einer Mischung von guten und bösen Prinzipien genommen, die aber selbst einer gründlichen Erklärung bedarf. Der Hochmut, der Aberglaube und die Furcht haben Systeme hervorgebracht und die Erkenntnis des Menschen durch tausend Vorurteile erschwert, die mit Hilfe der Beobachtung beseitigt werden müssen. Die Religion hat die Aufgabe, uns auf den Weg des Glücks zu führen, das sie uns jenseits der Zeit vorbereitet. Die Philosophie aber muß die natürlichen Beweggründe für die Handlungen des Menschen erforschen, um Mittel gleicher Art zu finden, ihn während des vergänglichen Lebens im Diesseits besser und glücklicher zu machen...“

Quelle: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, a.a.O., S. 674 ff.


Denis Diderot: „Encyclopédie“-Artikel: Mensch

„Mensch – Homme (Politik) : Es gibt keinen wahren Reichtum außer dem Menschen und der Erde. Der Mensch ist wertlos ohne die Erde, und die Erde wertlos ohne den Menschen.
Wertvoll ist der Mensch durch die Anzahl. Je größer an Zahl eine Gesellschaft ist, desto mächtiger ist sie im Frieden und desto mehr ist sie in Kriegszeiten zu fürchten. Ein Herrscher soll sich also um die Vermehrung seiner Untertanen ernstlich kümmern. Je mehr Untertanen er hat, desto mehr Kaufleute, Handwerker und Soldaten hat er.
Seine Staaten sind in einer beklagenswerten Lage, wenn es sich irgendwann herausstellt, daß es unter den Menschen, die er regiert, einen gibt, der Angst hat, Kinder zu zeugen, und der ohne Bedauern aus dem Leben geht.

Aber es genügt nicht, Menschen zu haben; man muß fleißige und kräftige Menschen haben.
Kräftige Menschen wird man dann haben, wenn sie gute Sitten haben und wenn es ihnen leicht fällt, Wohlstand zu erwerben und zu bewahren.
Fleißige Menschen wird man dann haben, wenn sie frei sind....“

Quelle: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, a.a.O., S. 676.


Denis Diderot: „Encyclopédie“-Artikel: Menschlichkeit

"Menschlichkeit - Humanité (Moral): Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben,  das Laster und das Unglück abzuschaffen.
Sie verbirgt uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert uns, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Schurken die Waffe, die dem guten Menschen zum Verhängnis werden könnte. Sie verleitet uns nicht, uns der besonderen Pflichten zu entledigen, sondern macht uns – im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in den Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen."    

Quelle: Artikel aus Diderots Enzyklopädie, a.a.O., S.681.



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